David Krause Fachbuch · Technik & Instandhaltung
Themenwelt Technik & Instandhaltung Grundlage Diplomarbeit 2009 Bezug Buch Kap. 7 · 13 · 14

Wartungsintervalle rechnen, nicht raten

„Alle 2.000 Betriebsstunden" — die meisten Wartungspläne beruhen auf Herstellerangaben und Erfahrung. Mit Lebensdauer-Verteilungen lässt sich das Intervall stattdessen berechnen. Das Ergebnis überrascht regelmäßig: Zu häufige Wartung kann teurer sein als gar keine.

b = 2,3
Formparameter · Verschleißausfall
7.000 h
optimales Intervall
3.824 €
Mehrkosten bei 2.000-h-Wartung · p. a.

Dieser Artikel fasst die Methodik meiner Diplomarbeit von 2009 zusammen („Entwicklung und Implementierung von optimalen Instandhaltungsstrategien auf Grundlage von Lebensdauer-Verteilungen", Hochschule Lausitz) und rechnet sie an einem Beispiel durch — hier nicht an einer Gießerei-Formanlage wie damals, sondern am CNC-Bearbeitungszentrum des Referenzbetriebs, das im gesamten Fachbuch als Bezugsobjekt dient.

1 · Das Problem mit dem Bauchgefühl

Wartungsintervalle entstehen in der Praxis meist auf drei Wegen: aus der Herstellerdokumentation, aus Erfahrungswerten der Instandhalter, oder — am häufigsten — aus runden Zahlen. Alle drei können richtig liegen. Nachprüfen lässt sich das nur, wenn man zwei Dinge kennt: wie die Komponente ausfällt und was der Ausfall im Vergleich zur Vorbeugung kostet.

Beide Richtungen kosten Geld

Zu spät gewartet heißt: ungeplanter Ausfall, Folgeschäden, Stillstand zur Unzeit. Zu früh gewartet heißt: Bauteile werden ersetzt, die noch halbe Lebensdauer vor sich hatten — und jeder Eingriff erzeugt selbst Stillstand und Montagerisiko. Die Aufgabe ist eine Minimierung, kein Maximieren der Sicherheit.

2 · Die Weibull-Verteilung und ihr Formparameter

Das Ausfallverhalten technischer Komponenten lässt sich mit der Weibull-Verteilung beschreiben. Sie hat zwei Parameter: die charakteristische Lebensdauer a (die Zeit, nach der 63,2 % der Einheiten ausgefallen sind) und den Formparameter b. Der Formparameter ist die eigentlich interessante Größe, denn er sagt, welcher Ausfallmechanismus vorliegt:

Formparameter b und Badewannenkurve
bAusfallratePhaseRichtige Strategie
b < 1fallendFrühausfälle (Montage-, Fertigungsfehler)Einlaufkontrolle, Lieferantenqualität — keine präventive Erneuerung
b = 1konstantZufallsausfälle (Exponentialverteilung)Präventiver Tausch bringt nichts — Zustandsüberwachung oder Ausfallstrategie
b > 1steigendVerschleiß, Ermüdung, AlterungPräventive Erneuerung lohnt — Intervall berechenbar
Die wichtigste Vorentscheidung

Ein präventiver Austausch verbessert die Situation nur bei b > 1. Bei Zufallsausfällen (b ≈ 1) ist ein neues Bauteil genauso ausfallgefährdet wie das eingebaute — die Wartung erzeugt dann nur Kosten und Stillstand. Bei Frühausfällen (b < 1) macht sie es sogar schlimmer, weil jedes neue Teil wieder in die Frühphase eintritt. Wer Wartungspläne aufstellt, ohne den Formparameter zu kennen, kann die Verfügbarkeit systematisch verschlechtern.

Woher die Parameter kommen, wenn keine Daten vorliegen

Der Einwand aus der Praxis kommt sofort: „Wir haben keine Ausfallstatistik." Das war auch in der Diplomarbeit die Ausgangslage. Die Lösung sind Expertenschätzungen für Laufzeitquantile: Instandhalter und Bediener geben an, nach welcher Laufzeit erfahrungsgemäß etwa 10 % und etwa 90 % der Einheiten ausgefallen sind. Aus diesen beiden Punkten lassen sich beide Weibull-Parameter bestimmen. Das Verfahren ist grob, aber es liefert einen belastbaren Formparameter — und der entscheidet über die Strategie.

3 · Das Optimierungskriterium: Kosten je Zeiteinheit

Die Zielgröße ist nicht die Verfügbarkeit und nicht die Ausfallwahrscheinlichkeit, sondern die Kostenrate — erwartete Kosten geteilt durch erwartete Zykluszeit:

Kostenrate über einen Erneuerungszyklus φ(τ) = erwartete Kosten je Zyklus / Erwartungswert der Zykluszeit → Min.

mit erwartete Kosten = kp · R(τ) + ka · [1 − R(τ)]
und R(τ) = e−(τ/a)b  (Überlebenswahrscheinlichkeit)

In Worten: Wird das Bauteil bis zum geplanten Termin τ nicht auffällig — was mit der Wahrscheinlichkeit R(τ) geschieht — fallen die günstigen Präventivkosten kp an. Fällt es vorher aus, die teuren Ausfallkosten ka. Beides wird auf die tatsächlich erreichte Laufzeit umgelegt.

4 · Die Kostenseite — hier trifft Technik auf Kalkulation

Der Punkt, an dem viele Zuverlässigkeitsrechnungen scheitern, ist die Bewertung des Stillstands. Ein Ausfall kostet nicht nur Ersatzteil und Monteurstunden, sondern entgangene Produktion. Und der richtige Ansatz dafür ist nicht der Maschinenstundensatz, sondern der Deckungsbeitrag je Maschinenstunde: Bei Stillstand entfallen die variablen Kosten ohnehin — verloren geht der Deckungsbeitrag. Für die Kostenstelle 210 sind das 179,00 €/h (siehe Buch, Kapitel 13.5).

Kostenaufbau · Hauptspindel-Lagersatz am CNC-5-Achs-BAZ
Positiongeplant (kp)Ausfall (ka)
Ersatzteil Lagersatz2.800 €2.800 €
Folgeschaden Spindel bei Ausfall unter Last5.500 €
Montagearbeit 65 €/h390 €910 €
Stillstandsverlust DB 179,00 €/h · 6 h bzw. 36 h1.074 €6.444 €
Summe je Ereignis4.264 €15.654 €

Das Verhältnis ka/kp = 3,67 ist der zweite Treiber neben dem Formparameter. Je größer es ist, desto früher lohnt der präventive Eingriff.

5 · Das Ergebnis

Mit b = 2,3 und a = 12.000 h (Expertenschätzung: B10 bei rund 4.500 h) ergibt sich folgende Kostenrate in Abhängigkeit vom gewählten Intervall — ausgedrückt über die geforderte Überlebenswahrscheinlichkeit:

Kostenrate je geforderter Überlebenswahrscheinlichkeit
R gefordertIntervall€/h€/Jahr (3.393 h)
99 %1.624 h2,7049.175 €
95 %3.299 h1,4885.049 €
90 %4.511 h1,2364.194 €
85 %5.446 h1,1513.904 €
80 %6.251 h1,1173.791 €
75 % ★6.981 h1,1083.758 €
70 %7.665 h1,1103.768 €
60 %8.961 h1,1373.857 €
50 %10.232 h1,1773.995 €
0 3.000 h 6.000 h 9.000 h €/h 2,5 1,5 1,0 Optimum ≈ 7.000 h 2.000-h-Plan: +3.824 €/Jahr flaches Minimum 6.000–8.000 h
Drei Ergebnisse, die der Praxis widersprechen

Das Optimum liegt bei R = 75 %, nicht bei 95 %. Die intuitive Forderung „die Komponente soll zu 95 % durchhalten" führt zu einem Intervall von 3.299 h und kostet 5.049 €/Jahr — rund 34 % mehr als nötig. Hohe Überlebenswahrscheinlichkeit ist kein Selbstzweck; sie wird mit vorzeitig entsorgter Restlebensdauer erkauft.

Übermäßige Wartung ist teurer als gar keine. Der übliche 2.000-Stunden-Plan kostet 7.582 €/Jahr. Reines Fahren bis zum Ausfall kostet 4.996 €/Jahr. Wer zu häufig wartet, verschlechtert das Ergebnis also stärker, als wer die Prävention ganz sein lässt.

Das Minimum ist flach. Zwischen 6.000 und 8.000 Stunden ändert sich die Kostenrate um weniger als 1 %. Das ist eine gute Nachricht: Die Rechnung muss nicht exakt sein, um zu tragen — sie muss nur die Größenordnung treffen. Und sie erlaubt, das Intervall innerhalb dieser Spanne an Betriebsferien oder Wartungsfenster anzupassen, ohne wirtschaftlich etwas zu verlieren.

6 · Vom Einzelteil zur Strategie

Die Rechnung oben betrifft eine Komponente. In der Praxis hat eine Anlage Dutzende, und jede hätte ihr eigenes Optimum — was zu Dutzenden einzelner Stillstände führen würde. Deshalb ist der zweite Schritt die Koordinierung: Man legt ein Grundintervall fest und ordnet jeder Komponente ein ganzzahliges Vielfaches davon zu. Bauteile werden also leicht vom eigenen Optimum weg verschoben, um mit anderen zusammen in einem einzigen Stillstand erneuert zu werden. Weil die Minima flach sind, kostet diese Verschiebung fast nichts — spart aber jedes Mal einen kompletten Rüstvorgang.

Vorgehen in vier Schritten

1. Komponenten priorisieren — nur Betrachtungseinheiten mit relevanter Ausfallwirkung. 2. Formparameter bestimmen (Historie oder Expertenschätzung über Laufzeitquantile). 3. Kosten beider Fälle beziffern, Stillstand mit dem Deckungsbeitrag je Stunde bewerten. 4. Kostenrate minimieren, Intervalle auf ein gemeinsames Grundraster koordinieren.

7 · Was das mit der Kostenrechnung zu tun hat

Diese Methodik greift an genau der Stelle in die Kalkulation ein, die im Buch als Instandhaltungsbudget im Maschinenstundensatz auftaucht — bei der Kostenstelle 210 sind das 22.000 €/Jahr, also 6,48 €/Mh. Dieser Betrag ist keine Naturkonstante, sondern das Ergebnis der gewählten Strategie. Und er hat einen zweiten, größeren Hebel: Jede vermiedene Ausfallstunde erhöht die Verfügbarkeit und damit die produktiven Stunden im Nenner des Stundensatzes. Instandhaltungsstrategie ist damit unmittelbar Kalkulationsarbeit — sie bestimmt sowohl den Zähler als auch den Nenner.

David Krause
Dipl.-Wirtschaftsingenieur (FH) · 15+ Jahre Kostenrechnung, Werkscontrolling und Instandhaltung in CNC- und Druckgussfertigung. Schreibt hier alles auf, was sich in der Praxis bewährt hat.
Profil und Lebenslauf · Fachbuch · Kontakt

Methodische Grundlage: eigene Diplomarbeit, Hochschule Lausitz (FH), Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen, 2009. Das Rechenbeispiel wurde für diesen Artikel neu am fiktiven Referenzbetrieb „Präzisionsteile Muster GmbH" aufgebaut; die Parameter sind plausibel gewählt, nicht gemessen.