10.1 Sieben Positionen
Das Schema ist keine Formsache. Seine Reihenfolge bildet ab, wie Kosten im Betrieb tatsächlich entstehen: erst das Material, dann seine Bearbeitung, dann der Überbau aus Verwaltung und Vertrieb, zuletzt Gewinn und Konditionen. Wer eine Stufe überspringt, verliert die Lückenlosigkeit der Herleitung — und damit die Fähigkeit, einen Preis im Kundengespräch zu begründen.
| Pos. | Bezeichnung | Satz | € / Auftrag | Quelle |
|---|---|---|---|---|
| Materialblock | ||||
| Materialeinzelkosten (MEK) | — | 250,00 | Einstandspreis ERP | |
| + | Materialgemeinkosten (MGK) | 9,0 % MEK | 22,50 | KSt 100, BAB Kap. 5 |
| 1 | → Materialkosten (MK) | 272,50 | ||
| Fertigungsblock — Maschinenplatz KSt 210 | ||||
| FEK I — Fertigung | 32 €/h × 4 h | 128,00 | Werkerlohn inkl. AG-Anteil | |
| FEK II — CAM/AV | 48 €/h × 1 h | 48,00 | läuft offline, belegt die Maschine nicht | |
| + | Restgemeinkosten (RGK) | 35,1 % FEK | 61,78 | KSt 210, BAB Kap. 5 |
| + | Maschinenkosten (MSR × Zeit) | 46,37 €/Mh × 4 h | 185,48 | MSS aus Kap. 7 |
| + | Sondereinzelkosten Fertigung (SEKF) | — | 162,00 | Bohrgewindefräser, auftragsbezogen |
| 2 | → Fertigungskosten (FK) | 585,26 | ||
| 3 | → Herstellkosten (HK = 1 + 2) | 857,76 | ||
| Verwaltung · Vertrieb | ||||
| + | Verwaltungsgemeinkosten (VwGK) | 11,8 % HK | 101,22 | KSt 300, BAB Kap. 5 |
| + | Vertriebsgemeinkosten (VtGK) | 6,0 % HK | 51,47 | KSt 400, BAB Kap. 5 |
| + | Sondereinzelkosten Vertrieb (SEKV) | — | 0,00 | hier kein Frei-Haus-Zuschlag |
| 4 | → Selbstkosten (SK) | 1.010,45 | Vollkosten ohne Gewinn | |
| Preisblock | ||||
| + | Gewinnzuschlag | 15 % SK | 151,57 | Vorgabe Geschäftsführung |
| 5 | → Barverkaufspreis netto (BVP) | 1.162,02 | Untergrenze bei voller Nachlassausschöpfung | |
| + | Kundenskonto 2 % im Hundert: BVP ÷ 0,98 | 2 % | 23,71 | bei Zahlungsziel 14 Tage |
| 6 | → Zielverkaufspreis netto | 1.185,73 | Kunde zieht 2 % → exakt BVP | |
| + | Umsatzsteuer | 19 % | 225,29 | |
| 7 | → Angebotspreis brutto | 1.411,02 | Rechnungsbetrag | |
Skonto und Rabatt werden nicht auf den Barverkaufspreis aufgeschlagen, sondern herausgerechnet: 1.162,02 ÷ 0,98 = 1.185,73 €. Wer stattdessen 2 % addiert, landet bei 1.185,26 € — und bekommt nach Skontoabzug nur 1.161,55 € statt der kalkulierten 1.162,02 €. Bei einem Auftrag sind das 47 Cent, bei 2 % Marge auf einen Jahresumsatz von zwei Millionen fehlen rund 800 € reiner Gewinn. Der Fehler wächst quadratisch mit dem Nachlasssatz: Bei 20 % Rabatt beträgt die Lücke bereits 4 % des Preises.
10.2 Maschinenplatz und Handarbeitsplatz im selben Schema
Das Schema bleibt identisch — nur der Fertigungsblock unterscheidet sich. An der Montage (KSt 240) gibt es keinen Maschinenstundensatz; die Gemeinkosten kommen vollständig über den Lohnzuschlag.
| Fertigungsblock | Maschinenplatz KSt 210 | Handarbeitsplatz KSt 240 |
|---|---|---|
| Fertigungseinzelkosten | Werkerlohn × Zeit | Werkerlohn × Zeit |
| Gemeinkostenzuschlag | RGK 35,1 % auf FEK | FGK 60,8 % auf FEK |
| Maschinenkosten | MSR 46,37 €/Mh × Belegung | entfällt |
60,8 % gegen 35,1 % wirkt, als wäre die Montage die teurere Stelle. Tatsächlich ist es umgekehrt: An der Montage muss der Lohnzuschlag sämtliche Gemeinkosten der Stelle tragen, weil kein Maschinensatz danebensteht. Am Fräsplatz trägt der RGK-Satz nur den personalabhängigen Rest — der weit größere Teil läuft über die 46,37 €/Mh. Zuschlagssätze verschiedener Kostenstellen sind niemals direkt vergleichbar; vergleichbar sind nur Vollstundensätze.
10.3 Lesehilfe: vier Besonderheiten der Praxis-Kalkulation
Das durchgerechnete Beispiel zeigt vier Punkte, die in der Standardliteratur oft fehlen — und die eine saubere Fertigungskalkulation von einer schematischen unterscheiden.
| Besonderheit | Erklärung |
|---|---|
| Zwei FEK-Positionen (Fertigung + CAM) | Der CAD/CAM-Programmierer hat einen eigenen, höheren Stundensatz (48 €/h) als der Werker (32 €/h). Beide sind Einzelkosten, weil die Stunden auftragsbezogen erfasst werden — nur bei nicht zurechenbarer Programmierung wird sie zu Gemeinkosten. |
| Maschinenkosten als eigene Zeile | Der MSS (46,37 €/h) wird mit den Maschinenstunden multipliziert und separat ausgewiesen — nicht im FGK-Zuschlag versteckt. Das ist die korrekte MSR-Darstellung. |
| RGK-Zuschlag auf beide FEK | Die Restgemeinkosten beziehen sich auf FEK-Fertigung und FEK-CAM zusammen — sie entstehen durch den Personaleinsatz insgesamt, nicht nur durch den Werkerlohn. |
| SEKF als eigene Zeile | Der Bohrgewindefräser (162 €) ist ein auftragsbezogenes Spezialwerkzeug — er gehört nicht in den MSS (der gilt für alle Aufträge der Maschine), sondern als Sondereinzelkosten der Fertigung direkt auf diesen Auftrag. |
10.4 Der Losgrößeneffekt
Rüstzeit und Programmierung fallen einmal je Auftrag an, unabhängig von der Stückzahl. Sie verteilen sich auf das Los — und genau daraus entsteht die Preisdegression, die jeder Einkäufer kennt und viele Kalkulatoren unterschätzen.
| Los | Rüsten je Stück | Gesamtzeit | HK je Stück | SK je Stück | BVP je Stück | Index |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 60,0 min | 3,000 h | 541,31 € | 637,66 € | 733,31 € | 120 |
| 5 | 12,0 min | 2,200 h | 469,62 € | 553,22 € | 636,20 € | 104 |
| 10 | 6,0 min | 2,100 h | 460,66 € | 542,66 € | 624,06 € | 102 |
| 50 ★ | 1,2 min | 2,020 h | 453,50 € | 534,22 € | 614,35 € | 100 |
| 100 | 0,6 min | 2,010 h | 452,60 € | 533,16 € | 613,14 € | 100 |
| 500 | 0,1 min | 2,002 h | 451,88 € | 532,32 € | 612,17 € | 100 |
Bewusst vereinfacht gegenüber dem Referenzauftrag aus 10.1: Stückzeit 2,00 h, Rüstzeit 60 min, kein SEKF, keine separate CAM-Zeit. Sätze wie im BAB: MGK 9,0 % · RGK 35,1 % · MSR 46,37 €/Mh · VwGK 11,8 % · VtGK 6,0 % · Gewinn 15 %. Die Werte sind deshalb nicht mit den 1.010,45 € aus 10.1 vergleichbar — dort kommen Sonderwerkzeuge und Programmierung hinzu.
Die Degression läuft schnell aus. Von Los 1 auf Los 10 sinken die Stückkosten um 14,9 %, von Los 50 auf Los 500 nur noch um 0,4 %. Das Optimum liegt dort, wo der Rüstanteil unter ein bis zwei Prozent der Gesamtkosten fällt — hier ab etwa Losgröße 50. Wer darüber hinaus weitere Mengennachlässe gewährt, gibt Marge ab, der keine Kostenentlastung gegenübersteht.
- 1Materialpreis aktuell? Einstandspreise altern schnell. Kap. 9
- 2Maschinenbelegung realistisch — inklusive Rüsten, Neben- und Prüfzeiten?
- 3CAM-Zeit getrennt erfasst und nicht als Maschinenbelegung gezählt?
- 4Richtige Kostenstelle gewählt — Maschinen- oder Handarbeitsplatz? Kap. 10.2
- 5SEKF vollständig: Sonderwerkzeuge, Vorrichtungen, Lehren?
- 6Skonto und Rabatt „im Hundert" gerechnet, nicht aufgeschlagen?
- 7Ergebnis gegen die Preisuntergrenze geprüft? Kap. 11.4
Kapitel 11 wendet dieses Schema auf drei reale Fertigungsverfahren an: CNC-Fräsen von Titan, Kunststoff-Spritzguss und Aluminium-Druckguss. Jedes bringt eine eigene Besonderheit mit — Werkzeugverschleiß, Formkostenumlage, Anguss und Kreislaufmaterial.