Fallstudie A rechnet mit den Sätzen des Referenzbetriebs, den dieses Buch durchgehend verwendet — sie ist die direkte Fortsetzung von Kapitel 7. Die Fallstudien B und C stammen aus anderen Betrieben mit eigenem BAB, weil Spritzguss und Druckguss im Referenzbetrieb nicht vorkommen. Ihre Zuschlagssätze sind deshalb bewusst andere; jede Fallstudie führt ihren eigenen Steckbrief.
11.1 CNC-5-Achs-Fräsen: Titangehäuse, Los 50
| Position | Satz | €/Stück | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Materialeinzelkosten Ti6Al4V | — | 85,00 | Einstandspreis ERP |
| + Materialgemeinkosten | 9,0 % MEK | 7,65 | KSt 100 |
| → Materialkosten | 92,65 | ||
| FEK Fertigung | 32 €/h × 0,30 h | 9,60 | Netto-Bearbeitungszeit |
| FEK CAM | 48 €/h × 0,024 h | 1,15 | Programmzeit je Stück |
| + Restgemeinkosten | 35,1 % FEK | 3,77 | KSt 210 |
| + Maschinenkosten | 46,37 €/Mh × 0,34 h | 15,77 | MSS aus Kap. 7 |
| + SEKF Spezialfräser | — | 4,20 | HSC-Titanfräser, Verschleiß |
| + SEKF Spannvorrichtung | 240 € / 50 | 4,80 | auftragsbezogen |
| → Fertigungskosten | 39,29 | ||
| → Herstellkosten | 131,94 | ||
| + Verwaltungsgemeinkosten | 11,8 % HK | 15,57 | KSt 300 |
| + Vertriebsgemeinkosten | 6,0 % HK | 7,92 | KSt 400 |
| + SEKV Frei-Haus | — | 3,50 | laut Konditionen |
| → Selbstkosten | 158,93 | ||
| + Gewinnzuschlag | 15 % SK | 23,84 | Segmentvorgabe |
| → Barverkaufspreis netto | 182,77 | Los 50 = 9.138,50 € |
Mit 85,00 € von 158,93 € Selbstkosten macht das Titan-Rohteil allein 53 % aus. Der gesamte Fertigungsblock kommt auf 39,29 € — weniger als die Hälfte des Materials. Bei solchen Teilen entscheidet der Einkauf mehr über das Ergebnis als die Fertigung. Fünf Prozent Materialpreisanstieg kosten mehr Marge, als zehn Prozent Zeitersparnis an der Maschine einbringen. Die Nachkalkulation in Kapitel 12 zeigt genau das.
11.2 Kunststoff-Spritzguss: ABS-Gehäusedeckel
Die methodische Eigenheit des Spritzgusses ist die Werkzeugform. Sie ist produktspezifisch und gehört deshalb nicht in den Maschinenstundensatz, sondern als Sondereinzelkosten auf die Stückzahl umgelegt. Wie umgelegt wird, ist eine kaufmännische Entscheidung mit erheblicher Preiswirkung:
| Variante | Logik | je Stück | Wann sinnvoll |
|---|---|---|---|
| A — Gesamtlebensdauer | 35.000 € / 500.000 Stück | 0,07 € | Serienprodukt mit Rahmenvertrag und gesicherter Abnahme |
| B — je Abruf | 35.000 € / 50.000 Stück Erstauftrag | 0,70 € | Erstauftrag mit unsicherer Folgemenge — sichert die Investition ab |
| C — Kundeneigentum | Form separat berechnet | 0,00 € | Kunde beauftragt das Werkzeug selbst |
Zwischen Variante A und B liegt das Zehnfache — bei einem Teil, dessen gesamte Selbstkosten im Bereich weniger Cent liegen, ist das der Unterschied zwischen Gewinn und Verlust. Wer Variante A kalkuliert und dann nur 50.000 Stück abgerufen bekommt, hat 31.500 € Werkzeugkosten nicht gedeckt. Regeln Sie deshalb immer zwei Dinge vertraglich: die Abnahmemenge, auf die kalkuliert wurde, und wer Eigentümer der Form ist.
11.3 Aluminium-Druckguss: Getriebegehäuse
Der Druckguss bringt eine Besonderheit mit, die keine spanende Kalkulation kennt: Ein erheblicher Teil des eingesetzten Materials wird nie zum Bauteil. Anguss und Überläufer gehen zurück in den Schmelzofen — sie sind weder vollständig Kosten noch vollständig kostenlos.
| Position | Wert | Erläuterung |
|---|---|---|
| Teilegewicht netto | 1.850 g | Getriebegehäuse AlSi9Cu3 |
| + Anguss und Überläufer | 370 g | 20 % vom Nettogewicht |
| = Brutto-Materialbedarf | 2,22 kg | das ist die Einkaufsmenge |
| − Schrotterlös Kreislaufmaterial | −0,22 € | 0,37 kg × 0,60 €/kg |
Wer das Nettogewicht als Materialbedarf ansetzt, unterschätzt den Einsatz um 20 %. Der Anguss muss eingekauft, geschmolzen, gefördert und wieder eingeschmolzen werden — nur der Materialwert kommt teilweise zurück, die Energie dafür nie. Umgekehrt ist es genauso falsch, den Schrotterlös zu ignorieren: Dann ist das Teil rechnerisch 0,22 € zu teuer und man verliert Aufträge, die man hätte gewinnen können. Beide Größen gehören ausgewiesen — die Bezugsgröße für den Anguss ist dabei immer das Nettogewicht.
11.4 Mindestpreis und kurzfristige Preisuntergrenze
Nicht jeder Preis muss die Vollkosten decken — aber jeder Kalkulator muss wissen, wo die Grenzen liegen. Für das Titangehäuse aus Fallstudie A:
| Grenze | €/Stück | Bedeutung |
|---|---|---|
| Zielpreis | 182,77 | Normalfall — deckt Vollkosten und Gewinn |
| Langfristige Preisuntergrenze | 158,93 | Selbstkosten — kein Gewinn, aber alle Kosten gedeckt |
| Kurzfristige Preisuntergrenze | 121,91 | variable Kosten — Deckungsbeitrag null |
| Absolutes Minimum | 95,75 | nur MEK und FEK — jeder Auftrag darunter vernichtet Substanz |
Ein Preis zwischen 121,91 € und 158,93 € verbessert das Ergebnis nur, wenn die Kapazität sonst leer stünde und keine besser bezahlten Aufträge verdrängt werden. Ist die Stelle ausgelastet, kostet jeder solche Auftrag den entgangenen Deckungsbeitrag des verdrängten. Und es gibt eine dritte Gefahr, die keine Rechnung abbildet: Preise, die einmal akzeptiert wurden, werden zur Referenz für den nächsten Auftrag. Die Systematik dazu steht in Kapitel 13.
Kapitel 12 nimmt Fallstudie A und vergleicht die Vorkalkulation mit den tatsächlichen BDE-Rückmeldungen: Wo lag die Planung daneben, und was hat das gekostet? Ergebnis vorweg — der Gewinn schrumpft von 23,84 € auf 9,58 € je Stück.