David Krause Fachbuch · Teil III · Kapitel 5
Teil III — Kapazität & Stundensatz Kapitel 05 / 18 Referenzbetrieb Präzisionsteile Muster GmbH Stand v23.0 · 07/2026

Der Betriebsabrechnungsbogen

Wo sind die Gemeinkosten angefallen — und mit welchem Satz kommen sie zurück in die Kalkulation? Der BAB ist das Scharnier zwischen Buchhaltung und Angebotspreis. Hier entstehen alle Zuschlagssätze, mit denen die folgenden Kapitel rechnen.

1.391.818 €
Gemeinkosten gesamt
7
Endkostenstellen
3.393 h
Zuschlagsbasis KSt 210

5.1 Das Ziel der Kostenstellenrechnung

Die Kostenartenrechnung aus Kapitel 4 beantwortet: Welche Kosten sind angefallen? Der BAB beantwortet die nächste Frage: Wo sind sie angefallen? Und er leitet daraus die Sätze ab, mit denen die Kostenträgerrechnung arbeiten kann.

Einzelkosten brauchen diesen Umweg nicht — Material und Fertigungslohn lassen sich dem Auftrag direkt zurechnen. Gemeinkosten dagegen fallen für den ganzen Betrieb an. Ohne Kostenstellenrechnung bliebe nur die Verteilung nach Gießkanne, und genau daraus entstehen die Fehlkalkulationen aus Kapitel 3.

5.2 Kostenstellentypen

TypFunktionBeispiele im Referenzbetrieb
Hilfskostenstelleerbringt Leistungen für andere Stellen, wird vollständig umgelegt910 Gebäude · 920 Technische Leitung
Fertigungshauptstellebearbeitet den Kostenträger direkt200 Drehen · 210 Fräsen · 240 Montage
MaterialstelleBeschaffung, Lager, Wareneingang100 Material
Verwaltung / VertriebZuschlag auf die Herstellkosten300 Verwaltung · 400 Vertrieb

5.3 Primär- und Sekundärumlage

Der BAB läuft in zwei Stufen. In der Primärumlage werden die Gemeinkostenarten nach Verursachung auf alle Stellen verteilt — Energie nach Verbrauch, Abschreibungen nach Anlagenzuordnung, Versicherungen nach Wert.

In der Sekundärumlage werden die Hilfskostenstellen aufgelöst und auf die Endkostenstellen verteilt. Der Referenzbetrieb nutzt das Stufenleiterverfahren: erst Gebäude (nach Fläche), danach Technische Leitung (nach Fertigungsmitarbeitern). Keine Rückumlage — die Reihenfolge entscheidet, und sie muss dokumentiert sein.

Reihenfolge der Stufenleiter

Faustregel: Die Stelle, die am meisten an andere Hilfsstellen liefert und am wenigsten von ihnen empfängt, wird zuerst umgelegt. Gebäudekosten fließen in jede andere Stelle, empfangen aber selbst kaum etwas — deshalb stehen sie vorn. Das Verfahren ist eine Näherung; exakt wäre nur das Gleichungsverfahren. Für die Praxis reicht die Stufenleiter, solange man weiß, dass eine Näherung vorliegt.

5.4 Der vollständige BAB

Betriebsprofil: rund 30 Mitarbeiter, davon 20 in der Fertigung (8 Drehen, 6 Fräsen, 6 Montage). Zwei CNC-Drehzentren im Zweischichtbetrieb (6.786 produktive Maschinenstunden), ein 5-Achs-Bearbeitungszentrum (3.393 Mh) und eine Montage ohne Maschinenbindung.

BAB Präzisionsteile Muster GmbH · Beträge in €
Kostenart910 Gebäude920 Tech.Ltg. 100 Material200 Drehen210 Fräsen 240 Montage300 Verw.400 Vertr.Summe
Primärkosten — Gemeinkosten
Hilfslöhne42.00062.00036.00028.000168.000
Gehälter98.00058.000330.000140.000626.000
Kalk. Miete105.600105.600
Energie22.00028.95332.8352.80086.588
Instandhaltung12.5203.00014.00022.0004.5005.00061.020
Werkzeuge27.50023.7007.50058.700
Kalk. AfA9.00040.00051.4626.0008.0007.000121.462
Kalk. Zinsen9.35014.70019.5981.0001.50080046.948
Versicherungen5.0002.4001.8001.5001.2002.0001.10015.000
Reinigung8.0008.000
IT/Kommunikation3.00014.0006.00023.000
Werbung/Reisen28.00028.000
Sonstige GK12.0004.0003.0002.0002.50012.0008.00043.500
Σ Primärkosten153.120110.000130.750191.953189.09553.500372.500190.9001.391.818
Sekundärumlage — Stufenleiterverfahren
Umlage 910 Fläche, 174 €/m²·a(153.120)6.96031.32033.06024.36020.88026.10010.4400
Umlage 920 je Fertigungs-MA 8/6/6(116.960)46.78435.08835.0880
= Stellenkosten00162.070271.797248.543109.468398.600201.3401.391.818
Zur Lesart dieser Tabelle

Einzelkosten laufen nicht über den BAB — Fertigungsmaterial (1.800.000 €) und Fertigungslöhne (780.000 €) gehen direkt auf den Kostenträger. Sie erscheinen hier nur als Zuschlagsbasis. In den Fertigungsstellen sind die Stellenkosten anschließend noch in den maschinenabhängigen Teil (MSR) und den personalabhängigen Teil (RGK) zu trennen — die Systematik dazu steht in Kapitel 6.

5.5 Die Zuschlagssätze — das Ergebnis

Aus den Stellenkosten und den jeweiligen Bezugsgrößen entstehen die Sätze, mit denen ab Kapitel 10 jede Kalkulation arbeitet:

Zuschlagssätze des Referenzbetriebs
KostenstelleBezugsbasisSatz
100 MaterialMEK 1.800.000 €9,0 % MGK
200 Drehen — Maschine6.786 Mh20,13 €/Mh
200 Drehen — PersonalFL 340.000 €39,8 % RGK
210 Fräsen — Maschine3.393 Mh46,37 €/Mh
210 Fräsen — PersonalFL 260.000 €35,1 % RGK
240 Montage kein MSRFL 180.000 €60,8 % FGK
300 VerwaltungHK 3.371.878 €11,8 % VwGK
400 VertriebHK 3.371.878 €6,0 % VtGK

5.6 Maschinenplatz vs. Handarbeitsplatz

Dies ist der methodisch wichtigste Unterschied in der Fertigungskalkulation. Er bestimmt, wie die Gemeinkosten einer Fertigungsstelle verrechnet werden — und damit den gesamten Charakter der Kalkulation.

Maschinenplatz
CNC, Druckguss, Spritzguss
Handarbeitsplatz
Montage, Schweißen, Prüfung
KostentreiberMaschinenzeit (Maschinenstunden)Arbeitszeit (Fertigungslöhne)
ZuschlagMSR-Satz €/MhFGK-% auf Fertigungslöhne
Bezugsgrößeproduktive MaschinenstundenFertigungslohn in €
Beispiel im Betrieb210 Fräsen · 46,37 €/Mh240 Montage · 60,8 % FGK
Läuft weiter, wenn niemand daneben steht?ja — AfA, Zins, Raum fallen annein — ohne Arbeit keine Kosten
Warum Montage und Fräsen unterschiedlich behandelt werden

Die Montage hat keine nennenswerte Maschinenbindung — ihre Gemeinkosten entstehen mit der Arbeitszeit, nicht mit einer Anlage. Ein Maschinenstundensatz wäre dort sinnlos; richtig ist der klassische Zuschlag auf den Fertigungslohn. Beim 5-Achs-BAZ ist es umgekehrt: Der überwiegende Teil der Stellenkosten hängt an der Anlage und läuft weiter, ob ein Werker daneben steht oder nicht. Diese Unterscheidung — Maschinenplatz oder Handarbeitsplatz — ist die wichtigste Strukturentscheidung im ganzen BAB.

5.7 Lesehilfe: Was zeigt jede Zeile?

Der BAB gliedert sich in fünf Abschnitte. Die Tabelle erklärt jeden Abschnitt und seine methodische Bedeutung — damit Sie den BAB nicht nur ablesen, sondern verstehen.

AbschnittBezeichnung im BABMethodische Bedeutung
AEinzelkosten (nachrichtlich)MEK und FEK laufen direkt auf den Kostenträger — im BAB stehen sie nur als spätere Zuschlagsbasis, sie werden nicht über Kostenstellen verteilt.
BPrimärkosten — GemeinkostenDirekte Erfassung aus dem Kostenartenplan nach dem Verursachungsprinzip, inklusive kalkulatorischer Kosten.
CSekundärumlageAuflösung der Hilfskostenstellen auf die Endstellen im Stufenleiterverfahren.
DStellenkostenSumme je Endkostenstelle nach Umlage — die Hilfsstellen stehen jetzt auf 0.
EZuschlagssätzeStellenkosten geteilt durch die jeweilige Bezugsgröße — das verwertbare Ergebnis.

5.8 Sekundärumlage Schritt für Schritt

Die Sekundärumlage ist der komplexeste Schritt im BAB. Der Umlagefluss aus dem Muster-BAB, Schritt für Schritt — welche Hilfskostenstelle wird zuerst umgelegt, nach welchem Schlüssel, und auf welche Hauptkostenstellen.

Schritt 1 — HKSt 910 Gebäude (153.120 €), Schlüssel Fläche
EmpfängerAnteilUmlage
920 Technische Leitung4,5 %6.960 €
100 Material20,5 %31.320 €
200 Drehen21,6 %33.060 €
210 Fräsen15,9 %24.360 €
240 Montage13,6 %20.880 €
300 / 400 Verw. + Vertrieb23,9 %36.540 €
Schritt 2 — HKSt 920 Technische Leitung (116.960 €), Schlüssel Fertigungs-MA 8/6/6
EmpfängerMAUmlage
200 Drehen846.784 €
210 Fräsen635.088 €
240 Montage635.088 €

Nach beiden Schritten stehen 910 und 920 auf 0 — ihre Kosten sind vollständig auf die Endstellen verteilt. Die Reihenfolge (erst 910, dann 920) ist gesetzt, weil das Gebäude auch die Technische Leitung mitträgt, aber nicht umgekehrt.

5.9 Über- und Unterdeckung

Die Zuschlagssätze entstehen aus Planwerten. Am Jahresende zeigt der Vergleich mit den Istkosten, ob die Verrechnung aufging. Eine Unterdeckung bedeutet: Es wurden weniger Gemeinkosten verrechnet als angefallen sind — jeder Auftrag war zu billig.

Deckungskontrolle Verrechnete GK = Ist-Bezugsgröße × Plan-Zuschlagssatz
Über-/Unterdeckung = verrechnete GK − Ist-Gemeinkosten

Beispiel KSt 210 bei 3.100 statt 3.393 Mh:
3.100 × 46,37 = 143.747 € verrechnet gegen 157.325 € angefallen
= −13.578 € Unterdeckung — reine Beschäftigungsabweichung

Die Ursache liegt hier nicht in zu hohen Kosten, sondern in zu geringer Auslastung: Die Fixkosten der Stelle verteilen sich auf weniger Stunden. Dieser Unterschied — Kosten zu hoch oder Beschäftigung zu niedrig — ist der Ausgangspunkt der flexiblen Plankostenrechnung.

5.10 Von der Über-/Unterdeckung zur flexiblen Plankostenrechnung

Die Über-/Unterdeckung sagt Ihnen, dass eine Kostenstelle daneben liegt — aber nicht warum. Die flexible Plankostenrechnung schließt diese Lücke: Sie spaltet die Gesamtabweichung in einen Teil, den die Werkstatt verantwortet (Verbrauch), und einen Teil, der aus dem Vertrieb kommt (Beschäftigung). Erst diese Trennung macht die Abweichung steuerbar.

Voraussetzung ist die Aufspaltung des Kostensatzes in einen fixen und einen variablen Anteil. Am 5-Achs-BAZ (46,37 €/Mh bei 3.393 Plan-Stunden) sieht das so aus: zeitabhängige Kosten (kalk. AfA, Zinsen, Raum, geplante Instandhaltung) sind fix, ausbringungsabhängige Kosten (Energie, Verbrauchswerkzeuge) sind variabel.

Kostenbestandteil€/h€/Jahr (3.393 h)Charakter
Kalk. AfA + Zinsen + Raum + IH31,95108.390 €fix
Energie + Verbrauchswerkzeuge14,4248.935 €variabel
Plankostensatz gesamt46,37157.325 €
Beschäftigungsabweichung bei 3.000 statt 3.393 h Verrechnet (Vollkosten): 3.000 × 46,37 = 139.110 €
Sollkosten (fix + variabel × Ist): 108.390 + 14,42 × 3.000 = 151.650 €

= −12.540 € Beschäftigungsabweichung — die 393 fehlenden Stunden tragen ihre Fixkosten nicht, obwohl in der Werkstatt nichts falsch lief.

Die Beschäftigungsabweichung ist keine Werkstattschuld — sie entsteht, weil zu wenig Aufträge da waren. Die Verbrauchsabweichung dagegen (Ist-Kosten gegen Sollkosten bei Ist-Beschäftigung) misst, ob die Stelle mit ihren Ressourcen sparsam gearbeitet hat. Erst beide Zahlen zusammen sagen, wo man ansetzen muss: beim Vertrieb oder in der Halle.

5.11 Häufige Ablesefehler im BAB

#Fehler beim AblesenRichtige Interpretation
1Primärkosten als Kostensatz verwendenDie Σ-Primärkosten-Zeile ist nicht der Satz — erst nach Sekundärumlage und Division durch die Bezugsgröße ergibt sich der Satz.
2HKSt-Werte nach Umlage als Kosten lesenHilfskostenstellen stehen nach der Sekundärumlage auf 0 — der Wert in Klammern ist die Umlage, kein Verlust.
3Ist-Satz mit verrechnetem Satz verwechselnDer verrechnete Satz ist der Plansatz aus dem BAB; der Ist-Satz entsteht erst am Jahresende. Die Differenz ist die Über-/Unterdeckung.
4Einzelkosten in den Zuschlag ziehenMEK und FEK laufen direkt auf den Kostenträger — sie sind Zuschlagsbasis, nicht Teil der verteilten Gemeinkosten.
Was kommt in Kapitel 6?

Kapitel 6 nimmt die Fertigungsstellen aus diesem BAB und zerlegt sie: Welche Kosten gehören an die Maschine, welche an den Menschen? Und auf welchen Wert wird abgeschrieben? Damit sind die Grundlagen gelegt, die Kapitel 7 zu den 46,37 €/Mh zusammenführt.

David Krause
Dipl.-Wirtschaftsingenieur (FH) · 15+ Jahre Kostenrechnung, Werkscontrolling und Instandhaltung in CNC- und Druckgussfertigung. Schreibt hier alles auf, was sich in der Praxis bewährt hat.
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