5.1 Das Ziel der Kostenstellenrechnung
Die Kostenartenrechnung aus Kapitel 4 beantwortet: Welche Kosten sind angefallen? Der BAB beantwortet die nächste Frage: Wo sind sie angefallen? Und er leitet daraus die Sätze ab, mit denen die Kostenträgerrechnung arbeiten kann.
Einzelkosten brauchen diesen Umweg nicht — Material und Fertigungslohn lassen sich dem Auftrag direkt zurechnen. Gemeinkosten dagegen fallen für den ganzen Betrieb an. Ohne Kostenstellenrechnung bliebe nur die Verteilung nach Gießkanne, und genau daraus entstehen die Fehlkalkulationen aus Kapitel 3.
5.2 Kostenstellentypen
| Typ | Funktion | Beispiele im Referenzbetrieb |
|---|---|---|
| Hilfskostenstelle | erbringt Leistungen für andere Stellen, wird vollständig umgelegt | 910 Gebäude · 920 Technische Leitung |
| Fertigungshauptstelle | bearbeitet den Kostenträger direkt | 200 Drehen · 210 Fräsen · 240 Montage |
| Materialstelle | Beschaffung, Lager, Wareneingang | 100 Material |
| Verwaltung / Vertrieb | Zuschlag auf die Herstellkosten | 300 Verwaltung · 400 Vertrieb |
5.3 Primär- und Sekundärumlage
Der BAB läuft in zwei Stufen. In der Primärumlage werden die Gemeinkostenarten nach Verursachung auf alle Stellen verteilt — Energie nach Verbrauch, Abschreibungen nach Anlagenzuordnung, Versicherungen nach Wert.
In der Sekundärumlage werden die Hilfskostenstellen aufgelöst und auf die Endkostenstellen verteilt. Der Referenzbetrieb nutzt das Stufenleiterverfahren: erst Gebäude (nach Fläche), danach Technische Leitung (nach Fertigungsmitarbeitern). Keine Rückumlage — die Reihenfolge entscheidet, und sie muss dokumentiert sein.
Faustregel: Die Stelle, die am meisten an andere Hilfsstellen liefert und am wenigsten von ihnen empfängt, wird zuerst umgelegt. Gebäudekosten fließen in jede andere Stelle, empfangen aber selbst kaum etwas — deshalb stehen sie vorn. Das Verfahren ist eine Näherung; exakt wäre nur das Gleichungsverfahren. Für die Praxis reicht die Stufenleiter, solange man weiß, dass eine Näherung vorliegt.
5.4 Der vollständige BAB
Betriebsprofil: rund 30 Mitarbeiter, davon 20 in der Fertigung (8 Drehen, 6 Fräsen, 6 Montage). Zwei CNC-Drehzentren im Zweischichtbetrieb (6.786 produktive Maschinenstunden), ein 5-Achs-Bearbeitungszentrum (3.393 Mh) und eine Montage ohne Maschinenbindung.
| Kostenart | 910 Gebäude | 920 Tech.Ltg. | 100 Material | 200 Drehen | 210 Fräsen | 240 Montage | 300 Verw. | 400 Vertr. | Summe |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Primärkosten — Gemeinkosten | |||||||||
| Hilfslöhne | — | — | 42.000 | 62.000 | 36.000 | 28.000 | — | — | 168.000 |
| Gehälter | — | 98.000 | 58.000 | — | — | — | 330.000 | 140.000 | 626.000 |
| Kalk. Miete | 105.600 | — | — | — | — | — | — | — | 105.600 |
| Energie | 22.000 | — | — | 28.953 | 32.835 | 2.800 | — | — | 86.588 |
| Instandhaltung | 12.520 | — | 3.000 | 14.000 | 22.000 | 4.500 | 5.000 | — | 61.020 |
| Werkzeuge | — | — | — | 27.500 | 23.700 | 7.500 | — | — | 58.700 |
| Kalk. AfA | — | — | 9.000 | 40.000 | 51.462 | 6.000 | 8.000 | 7.000 | 121.462 |
| Kalk. Zinsen | — | — | 9.350 | 14.700 | 19.598 | 1.000 | 1.500 | 800 | 46.948 |
| Versicherungen | 5.000 | — | 2.400 | 1.800 | 1.500 | 1.200 | 2.000 | 1.100 | 15.000 |
| Reinigung | 8.000 | — | — | — | — | — | — | — | 8.000 |
| IT/Kommunikation | — | — | 3.000 | — | — | — | 14.000 | 6.000 | 23.000 |
| Werbung/Reisen | — | — | — | — | — | — | — | 28.000 | 28.000 |
| Sonstige GK | — | 12.000 | 4.000 | 3.000 | 2.000 | 2.500 | 12.000 | 8.000 | 43.500 |
| Σ Primärkosten | 153.120 | 110.000 | 130.750 | 191.953 | 189.095 | 53.500 | 372.500 | 190.900 | 1.391.818 |
| Sekundärumlage — Stufenleiterverfahren | |||||||||
| Umlage 910 Fläche, 174 €/m²·a | (153.120) | 6.960 | 31.320 | 33.060 | 24.360 | 20.880 | 26.100 | 10.440 | 0 |
| Umlage 920 je Fertigungs-MA 8/6/6 | — | (116.960) | — | 46.784 | 35.088 | 35.088 | — | — | 0 |
| = Stellenkosten | 0 | 0 | 162.070 | 271.797 | 248.543 | 109.468 | 398.600 | 201.340 | 1.391.818 |
Einzelkosten laufen nicht über den BAB — Fertigungsmaterial (1.800.000 €) und Fertigungslöhne (780.000 €) gehen direkt auf den Kostenträger. Sie erscheinen hier nur als Zuschlagsbasis. In den Fertigungsstellen sind die Stellenkosten anschließend noch in den maschinenabhängigen Teil (MSR) und den personalabhängigen Teil (RGK) zu trennen — die Systematik dazu steht in Kapitel 6.
5.5 Die Zuschlagssätze — das Ergebnis
Aus den Stellenkosten und den jeweiligen Bezugsgrößen entstehen die Sätze, mit denen ab Kapitel 10 jede Kalkulation arbeitet:
| Kostenstelle | Bezugsbasis | Satz |
|---|---|---|
| 100 Material | MEK 1.800.000 € | 9,0 % MGK |
| 200 Drehen — Maschine | 6.786 Mh | 20,13 €/Mh |
| 200 Drehen — Personal | FL 340.000 € | 39,8 % RGK |
| 210 Fräsen — Maschine | 3.393 Mh | 46,37 €/Mh |
| 210 Fräsen — Personal | FL 260.000 € | 35,1 % RGK |
| 240 Montage kein MSR | FL 180.000 € | 60,8 % FGK |
| 300 Verwaltung | HK 3.371.878 € | 11,8 % VwGK |
| 400 Vertrieb | HK 3.371.878 € | 6,0 % VtGK |
5.6 Maschinenplatz vs. Handarbeitsplatz
Dies ist der methodisch wichtigste Unterschied in der Fertigungskalkulation. Er bestimmt, wie die Gemeinkosten einer Fertigungsstelle verrechnet werden — und damit den gesamten Charakter der Kalkulation.
| Maschinenplatz CNC, Druckguss, Spritzguss | Handarbeitsplatz Montage, Schweißen, Prüfung | |
|---|---|---|
| Kostentreiber | Maschinenzeit (Maschinenstunden) | Arbeitszeit (Fertigungslöhne) |
| Zuschlag | MSR-Satz €/Mh | FGK-% auf Fertigungslöhne |
| Bezugsgröße | produktive Maschinenstunden | Fertigungslohn in € |
| Beispiel im Betrieb | 210 Fräsen · 46,37 €/Mh | 240 Montage · 60,8 % FGK |
| Läuft weiter, wenn niemand daneben steht? | ja — AfA, Zins, Raum fallen an | nein — ohne Arbeit keine Kosten |
Die Montage hat keine nennenswerte Maschinenbindung — ihre Gemeinkosten entstehen mit der Arbeitszeit, nicht mit einer Anlage. Ein Maschinenstundensatz wäre dort sinnlos; richtig ist der klassische Zuschlag auf den Fertigungslohn. Beim 5-Achs-BAZ ist es umgekehrt: Der überwiegende Teil der Stellenkosten hängt an der Anlage und läuft weiter, ob ein Werker daneben steht oder nicht. Diese Unterscheidung — Maschinenplatz oder Handarbeitsplatz — ist die wichtigste Strukturentscheidung im ganzen BAB.
5.7 Lesehilfe: Was zeigt jede Zeile?
Der BAB gliedert sich in fünf Abschnitte. Die Tabelle erklärt jeden Abschnitt und seine methodische Bedeutung — damit Sie den BAB nicht nur ablesen, sondern verstehen.
| Abschnitt | Bezeichnung im BAB | Methodische Bedeutung |
|---|---|---|
| A | Einzelkosten (nachrichtlich) | MEK und FEK laufen direkt auf den Kostenträger — im BAB stehen sie nur als spätere Zuschlagsbasis, sie werden nicht über Kostenstellen verteilt. |
| B | Primärkosten — Gemeinkosten | Direkte Erfassung aus dem Kostenartenplan nach dem Verursachungsprinzip, inklusive kalkulatorischer Kosten. |
| C | Sekundärumlage | Auflösung der Hilfskostenstellen auf die Endstellen im Stufenleiterverfahren. |
| D | Stellenkosten | Summe je Endkostenstelle nach Umlage — die Hilfsstellen stehen jetzt auf 0. |
| E | Zuschlagssätze | Stellenkosten geteilt durch die jeweilige Bezugsgröße — das verwertbare Ergebnis. |
5.8 Sekundärumlage Schritt für Schritt
Die Sekundärumlage ist der komplexeste Schritt im BAB. Der Umlagefluss aus dem Muster-BAB, Schritt für Schritt — welche Hilfskostenstelle wird zuerst umgelegt, nach welchem Schlüssel, und auf welche Hauptkostenstellen.
| Empfänger | Anteil | Umlage |
|---|---|---|
| 920 Technische Leitung | 4,5 % | 6.960 € |
| 100 Material | 20,5 % | 31.320 € |
| 200 Drehen | 21,6 % | 33.060 € |
| 210 Fräsen | 15,9 % | 24.360 € |
| 240 Montage | 13,6 % | 20.880 € |
| 300 / 400 Verw. + Vertrieb | 23,9 % | 36.540 € |
| Empfänger | MA | Umlage |
|---|---|---|
| 200 Drehen | 8 | 46.784 € |
| 210 Fräsen | 6 | 35.088 € |
| 240 Montage | 6 | 35.088 € |
Nach beiden Schritten stehen 910 und 920 auf 0 — ihre Kosten sind vollständig auf die Endstellen verteilt. Die Reihenfolge (erst 910, dann 920) ist gesetzt, weil das Gebäude auch die Technische Leitung mitträgt, aber nicht umgekehrt.
5.9 Über- und Unterdeckung
Die Zuschlagssätze entstehen aus Planwerten. Am Jahresende zeigt der Vergleich mit den Istkosten, ob die Verrechnung aufging. Eine Unterdeckung bedeutet: Es wurden weniger Gemeinkosten verrechnet als angefallen sind — jeder Auftrag war zu billig.
Über-/Unterdeckung = verrechnete GK − Ist-Gemeinkosten
Beispiel KSt 210 bei 3.100 statt 3.393 Mh:
3.100 × 46,37 = 143.747 € verrechnet gegen 157.325 € angefallen
= −13.578 € Unterdeckung — reine Beschäftigungsabweichung
Die Ursache liegt hier nicht in zu hohen Kosten, sondern in zu geringer Auslastung: Die Fixkosten der Stelle verteilen sich auf weniger Stunden. Dieser Unterschied — Kosten zu hoch oder Beschäftigung zu niedrig — ist der Ausgangspunkt der flexiblen Plankostenrechnung.
5.10 Von der Über-/Unterdeckung zur flexiblen Plankostenrechnung
Die Über-/Unterdeckung sagt Ihnen, dass eine Kostenstelle daneben liegt — aber nicht warum. Die flexible Plankostenrechnung schließt diese Lücke: Sie spaltet die Gesamtabweichung in einen Teil, den die Werkstatt verantwortet (Verbrauch), und einen Teil, der aus dem Vertrieb kommt (Beschäftigung). Erst diese Trennung macht die Abweichung steuerbar.
Voraussetzung ist die Aufspaltung des Kostensatzes in einen fixen und einen variablen Anteil. Am 5-Achs-BAZ (46,37 €/Mh bei 3.393 Plan-Stunden) sieht das so aus: zeitabhängige Kosten (kalk. AfA, Zinsen, Raum, geplante Instandhaltung) sind fix, ausbringungsabhängige Kosten (Energie, Verbrauchswerkzeuge) sind variabel.
| Kostenbestandteil | €/h | €/Jahr (3.393 h) | Charakter |
|---|---|---|---|
| Kalk. AfA + Zinsen + Raum + IH | 31,95 | 108.390 € | fix |
| Energie + Verbrauchswerkzeuge | 14,42 | 48.935 € | variabel |
| Plankostensatz gesamt | 46,37 | 157.325 € | — |
Sollkosten (fix + variabel × Ist): 108.390 + 14,42 × 3.000 = 151.650 €
= −12.540 € Beschäftigungsabweichung — die 393 fehlenden Stunden tragen ihre Fixkosten nicht, obwohl in der Werkstatt nichts falsch lief.
Die Beschäftigungsabweichung ist keine Werkstattschuld — sie entsteht, weil zu wenig Aufträge da waren. Die Verbrauchsabweichung dagegen (Ist-Kosten gegen Sollkosten bei Ist-Beschäftigung) misst, ob die Stelle mit ihren Ressourcen sparsam gearbeitet hat. Erst beide Zahlen zusammen sagen, wo man ansetzen muss: beim Vertrieb oder in der Halle.
5.11 Häufige Ablesefehler im BAB
| # | Fehler beim Ablesen | Richtige Interpretation |
|---|---|---|
| 1 | Primärkosten als Kostensatz verwenden | Die Σ-Primärkosten-Zeile ist nicht der Satz — erst nach Sekundärumlage und Division durch die Bezugsgröße ergibt sich der Satz. |
| 2 | HKSt-Werte nach Umlage als Kosten lesen | Hilfskostenstellen stehen nach der Sekundärumlage auf 0 — der Wert in Klammern ist die Umlage, kein Verlust. |
| 3 | Ist-Satz mit verrechnetem Satz verwechseln | Der verrechnete Satz ist der Plansatz aus dem BAB; der Ist-Satz entsteht erst am Jahresende. Die Differenz ist die Über-/Unterdeckung. |
| 4 | Einzelkosten in den Zuschlag ziehen | MEK und FEK laufen direkt auf den Kostenträger — sie sind Zuschlagsbasis, nicht Teil der verteilten Gemeinkosten. |
Kapitel 6 nimmt die Fertigungsstellen aus diesem BAB und zerlegt sie: Welche Kosten gehören an die Maschine, welche an den Menschen? Und auf welchen Wert wird abgeschrieben? Damit sind die Grundlagen gelegt, die Kapitel 7 zu den 46,37 €/Mh zusammenführt.