David Krause Fachbuch · V — Steuerung
Teil V — Steuerung Kapitel 19 / 18 Referenzbetrieb Präzisionsteile Muster GmbH Stand v23.1 · 07/2026

Lohnbearbeitung und Beistellung

Der Kunde stellt das Material, wir fräsen nur. Klingt nach einer einfachen Kalkulation — man lässt das Material weg. Genau daraus entsteht der teuerste Trugschluss dieses Kapitels.

53,6 %
DB-Quote — sieht gut aus
99,26 €
DB je Maschinenstunde
−45 %
gegenüber Komplettfertigung

1 · Das Problem der Zuschlagsbasis

Materialgemeinkosten werden als Prozentsatz auf die Materialeinzelkosten gerechnet. Fällt das Material weg, fällt auch die Bezugsgröße weg — und mit ihr die Verrechnung von Wareneingang, Prüfung, Lagerung und Handling. Diese Leistungen erbringt der Betrieb aber weiterhin.

Auf einen Blick: die Zahl, die täuscht

Dasselbe Titangehäuse, einmal komplett gefertigt, einmal als reine Lohnbearbeitung (Material beigestellt). Die Deckungsbeitragsquote scheint eindeutig — und führt in die Irre:

KennzahlKomplettfertigungLohnbearbeitung
DB-Quote (Anteil am Umsatz)33,3 %53,6 % ✓
DB je Maschinenstunde (Engpass)179,00 € ✓99,26 €

Nach Umsatzquote gewinnt die Lohnbearbeitung, nach Engpassstunde die Komplettfertigung — und zwar um 45 %. Welche der beiden Zahlen zählt, entscheidet über richtige und falsche Aufträge. Der Artikel zeigt, warum es die zweite ist.

RechenwegHerstellkostenSelbstkostenBewertung
Komplettfertigung (Kapitel 11)131,94 €158,93 €Referenz
naiv: Material weglassen39,29 €49,78 €Handling unverrechnet
korrekt: Handlingpauschale 5 %43,54 €54,79 €Aufwand gedeckt
Die Handlingpauschale

Üblich sind 2 bis 5 % auf den Wert des Beistellmaterials. Beim Titangehäuse mit 85 € Beistellwert sind das 1,70 bis 4,25 € je Teil. Wichtig ist, die Pauschale im Angebot auszuweisen — sonst hält der Kunde die Beistellung für kostenlos.

2 · Der Trugschluss der Deckungsbeitragsquote

GrößeKomplettfertigungLohnbearbeitung
Nettopreis je Stück182,77 €63,01 €
variable Kosten121,91 €29,26 €
Deckungsbeitrag I60,86 €33,75 €
DB-Quote33,3 %53,6 %
Maschinenbelegung je Stück0,34 h0,34 h
DB je Maschinenstunde179,00 €99,26 €
Warum die Quote in die Irre führt

Die Lohnbearbeitung sieht mit 53,6 % deutlich besser aus — und ist es doch nicht. Ohne Material ist der Umsatz kleiner, also fällt jeder Euro Deckungsbeitrag prozentual stärker ins Gewicht. Entscheidend ist nicht der Anteil am Umsatz, sondern der Beitrag je Engpassstunde. Und dort liegt die Lohnbearbeitung 45 % unter der Komplettfertigung.

In Zahlen: Eine Maschinenstunde Komplettfertigung müsste durch 1,80 Stunden Lohnbearbeitung ersetzt werden, um denselben Deckungsbeitrag zu erwirtschaften. Würde die Kostenstelle 210 ihre 3.393 Stunden ausschließlich mit Lohnbearbeitung füllen, sänke der Jahres-Deckungsbeitrag von 607.347 € auf 336.789 € — ein Unterschied von rund 270.000 €.

3 · Wann Lohnbearbeitung trotzdem richtig ist

SituationBewertung
Freie Kapazität, keine AlternativaufträgeJa — jeder positive Deckungsbeitrag verbessert das Ergebnis
Material schwer beschaffbar oder hochvolatilJa — der Kunde trägt Beschaffungs- und Preisrisiko
Kunde bindet sich langfristigJa — Grundlast rechtfertigt einen geringeren DB je Stunde
Maschine ausgelastet, Komplettaufträge liegen anNein — jede Stunde verdrängt den 1,80-fachen Deckungsbeitrag
Kapitalbindung im Material ist ein EngpassPrüfen — Beistellung entlastet die Liquidität
Der Liquiditätsaspekt

Ein Punkt, den die Deckungsbeitragsrechnung nicht zeigt: Bei Beistellung finanziert der Kunde das Material. Beim Titangehäuse sind das 85 € je Stück, bei Losgröße 500 also 42.500 €, die nicht vorfinanziert werden müssen. Für einen Betrieb mit knapper Liquidität kann das mehr wert sein als der höhere Deckungsbeitrag — aber diese Abwägung gehört bewusst getroffen, nicht aus Versehen.

4 · Vertragliche Punkte, die in die Kalkulation gehören

PunktKalkulatorische Folge
Ausschussrisiko am BeistellmaterialOhne Regelung einpreisen: q × Beistellwert
Beistellübermenge für Ausschuss und EinrichtteileSonst Fertigungsunterbrechung durch Materialmangel
Umfang und Vergütung der EingangsprüfungPrüfzeit ist Fertigungszeit, nicht Gemeinkosten
Freilagerzeit und Entgelt danachSonst finanziert der Lohnfertiger die Disposition des Kunden
Der teuerste Vertragspunkt

Das Ausschussrisiko am Beistellmaterial. Geht ein Titan-Rohteil im Wert von 85 € in der Fertigung verloren und trägt der Lohnfertiger den Schaden, kostet ihn das bei 3 % Ausschussquote 2,55 € je gefertigtem Teil — bei einem Deckungsbeitrag von 33,75 € immerhin 7,6 %.

David Krause
Dipl.-Wirtschaftsingenieur (FH) · 15+ Jahre Kostenrechnung, Werkscontrolling und Instandhaltung in CNC- und Druckgussfertigung. Schreibt hier alles auf, was sich in der Praxis bewährt hat.
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