13.1 Variable und fixe Kosten trennen
Variable Kosten entstehen mit jedem Stück: Material, Fertigungslohn, Energie, Verbrauchswerkzeuge. Fixe Kosten fallen an, ob produziert wird oder nicht: Abschreibung, Zinsen, Raumkosten, Gehälter. Der Maschinenstundensatz enthält beides — deshalb muss er für die Deckungsbeitragsrechnung zerlegt werden.
| Komponente | €/Jahr | Charakter | Begründung |
|---|---|---|---|
| Kalkulatorische AfA | 51.462 | fix | Zeitabschreibung, läuft unabhängig von der Nutzung |
| Kalkulatorische Zinsen | 18.398 | fix | Kapitalbindung |
| Energie | 30.435 | variabel | fällt nur bei Bearbeitung an |
| Instandhaltung | 22.000 | 50 / 50 | Wartungsintervalle teils zeit-, teils laufzeitabhängig |
| Verbrauchswerkzeuge | 18.500 | variabel | Verschleiß je Schnitt |
| Raumkosten | 16.530 | fix | Stellfläche unabhängig von der Auslastung |
| Σ variabel | 59.935 | = 17,66 €/Mh | |
| Σ fix | 97.390 | = 28,70 €/Mh | |
| Σ MSS | 157.325 | = 46,37 €/Mh | |
13.2 DB I und DB II
Bezugsmenge ist die Kostenstelle 210 im Vollbetrieb: 3.393 produktive Maschinenstunden, ausgelastet mit Aufträgen vom Typ des Titangehäuses (0,34 h Belegung je Stück). Das ergibt rund 9.980 Stück im Jahr — eine Modellrechnung, die die Kapazität exakt ausschöpft.
| Position | €/Stück | % Umsatz |
|---|---|---|
| Nettoerlös (Barverkaufspreis) | 182,77 | 100,0 % |
| − MEK Ti6Al4V | 85,00 | 46,5 % |
| − MGK (9,0 %, materialabhängig) | 7,65 | 4,2 % |
| − FEK Fertigung | 9,60 | 5,3 % |
| − FEK CAM | 1,15 | 0,6 % |
| − MSR variabel (17,66 €/Mh × 0,34 h) | 6,01 | 3,3 % |
| − SEKF Spezialfräser | 4,20 | 2,3 % |
| − SEKF Spannvorrichtung | 4,80 | 2,6 % |
| − SEKV Frei-Haus | 3,50 | 1,9 % |
| = Σ variable Kosten | 121,91 | 66,7 % |
| = Deckungsbeitrag I | 60,86 | 33,3 % |
Fixkostenanteil je Stück: RGK 3,77 + MSR fix 9,76 + VwGK 15,57 + VtGK 7,92 = 37,02 €. Variable Kosten 121,91 + Fixkosten 37,02 = 158,93 € — exakt die Selbstkosten aus Kapitel 11. Und 182,77 − 158,93 = 23,84 € Gewinn. Beide Rechnungen beschreiben dasselbe Teil.
| Position | €/Jahr | % Erlös |
|---|---|---|
| Nettoerlöse (9.980 Stk × 182,77 €) | 1.824.045 | 100,0 % |
| − Variable Kosten (9.980 × 121,91 €) | 1.216.662 | 66,7 % |
| = DB I gesamt | 607.383 | 33,3 % |
| − Fixkosten KSt 210 (9.980 × 37,02 €) | 369.460 | 20,3 % |
| = DB II | 237.923 | 13,0 % |
Ein Vergleich mit dem BAB lohnt sich. Die Fixkosten der Kostenstelle selbst (RGK 91.218 € plus fixer MSR-Anteil 97.390 € = 188.608 €) werden von diesem Auftragstyp nur zu rund 72 % gedeckt.
Der Grund liegt in der Struktur des Teils. Der RGK-Zuschlag von 35,1 % ist auf ein Jahresvolumen von 260.000 € Fertigungslohn kalibriert. Das Titangehäuse bindet aber nur 10,75 € Lohn je Stück — bei 9.980 Stück sind das 107.285 €, also 41 % des kalkulierten Lohnvolumens. Die Maschinenseite deckt dagegen zu 100 %: Die 3.393 Maschinenstunden sind vollständig ausgelastet.
Daraus folgt eine praktische Regel: Teile mit hohem Material- und Maschinenanteil, aber niedrigem Lohnanteil unterdecken die Restgemeinkosten ihrer Kostenstelle. Wer sein Werk ausschließlich mit solchen Aufträgen füllt, deckt seine Maschinen, aber nicht seine Stellenorganisation. Die Vollkostenrechnung hätte das nicht gezeigt — sie hätte nur gemeldet, dass jedes Stück 23,84 € Gewinn bringt.
13.3 Make-or-Buy: der klassische Denkfehler
Viele Betriebe vergleichen den Zukaufpreis mit den Vollkosten der Eigenfertigung. Das ist falsch: Bei Zukauf entfallen nur die variablen Kosten. Die Fixkosten bleiben — solange die Kapazität nicht tatsächlich abgebaut wird.
| Position | Make | Buy | Differenz |
|---|---|---|---|
| Falsch: Vollkostenvergleich | |||
| MEK + variable Kosten | 48,50 € | — | — |
| Fixkosten (AfA, Zinsen, GK) | 61,50 € | — | — |
| Vollkosten Eigenfertigung | 110,00 € | 95,00 € | −15,00 € |
| → Schlussfolgerung „Buy ist günstiger" — und sie ist falsch | |||
| Richtig: Teilkostenvergleich | |||
| Variable Kosten Eigenfertigung | 48,50 € | — | — |
| Zukaufpreis (entscheidungsrelevant) | — | 95,00 € | +46,50 € |
| → Make ist um 46,50 € je Stück günstiger — die Fixkosten fallen bei Buy trotzdem an | |||
Die Rechnung kippt, sobald die Kapazität wirklich abgebaut wird — Maschine verkauft, Personal versetzt — oder wenn die frei werdende Kapazität mit besser bezahlten Aufträgen gefüllt werden kann. Dann ist nicht der Fixkostenblock die Vergleichsgröße, sondern der entgangene Deckungsbeitrag der Alternative. Dazu kommen die nicht rechenbaren Kriterien: Know-how-Verlust, Lieferantenabhängigkeit, Qualitätsrisiko, Reaktionsfähigkeit bei Änderungen.
13.4 Zusatzauftrag unter Vollkosten: wann ja, wann nein?
Ein Kunde bietet 140 €/Stück für das Titangehäuse aus Kapitel 11 — die kalkulierten Selbstkosten liegen bei 158,93 €/Stück. Ablehnen? Die Antwort hängt allein von der Kapazität ab.
| Position (KSt 210) | ohne Auftrag | mit Auftrag (140 €, Los 500) | Δ |
|---|---|---|---|
| Auslastung | 70 % (2.375 h) | 75 % (2.545 h) | +170 h |
| Erlöse / Jahr | 1.276.648 € | 1.346.648 € | +70.000 € |
| Variable Kosten (121,91 €/Stk.) | 851.541 € | 912.496 € | +60.955 € |
| DB I | 425.107 € | 434.152 € | +9.045 € |
| Fixkosten (unverändert) | 369.460 € | 369.460 € | 0 € |
| Betriebsergebnis KSt 210 | 55.647 € | 64.692 € | +9.045 € |
Bei 140 €/Stück deckt jedes Teil seine variablen Kosten von 121,91 € und liefert 18,09 € Deckungsbeitrag. Da die Fixkosten ohnehin anfallen, verbessert jedes Stück über der variablen Kostenschwelle das Ergebnis — obwohl der Preis unter den Vollkosten liegt. Umgekehrt bei Vollauslastung: Dann verdrängt der Zusatzauftrag reguläre Aufträge mit höherem DB — hier gilt der relative Deckungsbeitrag je Engpassstunde (13.6), und der Auftrag wäre abzulehnen.
13.5 Break-Even
= 369.460 € / 60,86 € = 6.071 Stück/Jahr
entspricht 6.071 × 0,34 h = 2.064 Maschinenstunden
von 3.393 verfügbaren Stunden = 61 % der Kapazität
Erst ab dem 6.072. Stück erwirtschaftet die Kostenstelle Gewinn. Unterhalb von 61 % Auslastung trägt sie ihre eigenen Fixkosten nicht — unabhängig davon, wie gut jeder einzelne Auftrag kalkuliert ist.
13.6 Der Deckungsbeitrag je Engpassstunde
DB I je Stück beantwortet die Frage „lohnt sich dieser Auftrag?". Sobald die Maschine ausgelastet ist, ändert sich die Frage grundlegend: nicht mehr „lohnt sich A?", sondern „A oder B — welcher Auftrag bekommt die knappe Spindelstunde?". Hier führt der Stück-Deckungsbeitrag in die Irre.
| Auftrag | DB I je Stück | Engpasszeit je Stück | DB je Engpassstunde |
|---|---|---|---|
| A | 180 € | 0,90 h | 200,00 €/h |
| B | 260 € | 1,60 h | 162,50 €/h |
Auftrag B hat mit 260 € den höheren Stück-Deckungsbeitrag und sieht auf dem Angebotsblatt attraktiver aus. Auf die knappe Spindelstunde bezogen verliert er klar: A bringt 200 €/h, B nur 162,50 €/h. Je 100 Engpassstunden, die auf A statt B laufen, entstehen 3.750 € mehr Deckungsbeitrag. Wer bei voller Maschine nach Stück-DB priorisiert, verschenkt Geld.
Bei ausgelasteter Maschine steigt die kurzfristige Preisuntergrenze über die variablen Kosten hinaus: Jeder angenommene Auftrag verdrängt einen anderen. Der verdrängte Deckungsbeitrag je Engpassstunde ist als Opportunitätskosten aufzuschlagen. Für das Titangehäuse liegt der DB je Maschinenstunde bei 60,86 € / 0,34 h = 179,00 €/h — dieser Wert ist auch die richtige Bewertungsgröße für ungeplante Stillstände, wie sie der Artikel zur Instandhaltungsstrategie nutzt.
13.7 Checkliste
- 1Kosten sauber in variabel und fix getrennt — auch innerhalb des MSS?
- 2Bei Make-or-Buy nur die variablen Kosten verglichen, nicht die Vollkosten?
- 3Geprüft, ob die Kapazität tatsächlich abbaubar ist?
- 4Bei ausgelasteter Maschine nach DB je Engpassstunde priorisiert?
- 5Bei Zusatzaufträgen: Verdrängung berücksichtigt? → 13.5
- 6Qualitative Kriterien dokumentiert, nicht nur gerechnet?
Kapitel 14 nimmt die OEE aus Kapitel 7.2 wieder auf — diesmal als Führungsaufgabe: Wie misst man Verlustzeiten belastbar, wie priorisiert man Verbesserungen, und was bringt ein Prozentpunkt tatsächlich?