David Krause Fachbuch · Teil IV · Kapitel 12
Teil IV — Angebotskalkulation Kapitel 12 / 18 Fortsetzung Fallstudie A · Titangehäuse Stand v23.1 · 07/2026

Nachkalkulation

Die Vorkalkulation sagt, was ein Auftrag kosten soll. Die Nachkalkulation sagt, was er gekostet hat. Erst die Differenz macht aus einer Kalkulation ein lernendes System — vorausgesetzt, man zieht daraus Konsequenzen.

158,93 €
Selbstkosten geplant
173,19 €
Selbstkosten tatsächlich
−59,8 %
Margenverlust

12.1 Warum die Nachkalkulation unverzichtbar ist

Eine Vorkalkulation ist eine Prognose. Sie beruht auf Planzeiten, Erfahrungswerten und Annahmen über Material und Werkzeugstandzeiten. Ob diese Annahmen stimmten, weiß man erst, wenn der Auftrag durch ist — und nur, wenn man nachrechnet.

Betriebe, die auf die Nachkalkulation verzichten, kalkulieren jahrelang mit Planzeiten, die niemand je überprüft hat. Der typische Verlauf: Die Vorkalkulation wird einmal sorgfältig aufgesetzt, dann kopiert man sie für ähnliche Teile — und die schleichende Abweichung fällt erst auf, wenn die Jahresbilanz nicht mehr stimmt.

Die eigentliche Funktion

Die Nachkalkulation dient nicht der Schuldzuweisung, sondern der Kalibrierung. Ihr Ergebnis ist nicht „der Auftrag lief schlecht", sondern „unsere Planzeiten sind an dieser Stelle um 19 % zu optimistisch". Wer sie als Kontrollinstrument gegenüber der Fertigung einsetzt, bekommt geschönte Rückmeldungen und verliert genau die Datenbasis, die er verbessern wollte.

12.2 Datenquellen

GrößeQuelleTypische Fallstricke
Ist-ZeitenBDE-Rückmeldungen, MaschinendatenRüstzeit wird auf den Auftrag gebucht, obwohl mehrere Aufträge davon profitieren
Ist-MaterialLagerentnahmen, WareneingangVerschnitt und Ausschussteile werden nicht mitgebucht
Ist-WerkzeugeWerkzeugausgabe je KostenstelleZuordnung zum Auftrag fehlt — dann nur als Gemeinkosten erfassbar
ZuschlagssätzeBAB (Kapitel 5)Für die Nachkalkulation werden dieselben Sätze verwendet wie in der Vorkalkulation
Gleiche Sätze auf beiden Seiten

In der Nachkalkulation werden bewusst die Plan-Zuschlagssätze angesetzt, nicht die Ist-Sätze des Jahres. Sonst vermischt man zwei Effekte: die Abweichung des einzelnen Auftrags und die Über- oder Unterdeckung der Kostenstelle. Beides ist interessant — aber getrennt. Die Kostenstellenabweichung gehört in die Deckungskontrolle aus Kapitel 5.6.

12.3 Der Soll-Ist-Vergleich

Der Auftrag aus Kapitel 11: Titangehäuse Ti6Al4V, Los 50, kalkulierter Barverkaufspreis 182,77 € je Stück. Nach Abschluss liegen die BDE-Rückmeldungen vor.

Soll-Ist-Vergleich je Stück · Los 50
PositionSollIstAbw.%Ursache
Materialeinzelkosten85,0089,40+4,40+5,2 %Ti-Mehrpreis laut Einkaufsbeleg
Materialgemeinkosten (9,0 %)7,658,05+0,40+5,2 %folgt MEK
→ Materialkosten92,6597,45+4,80+5,2 %
FEK Fertigung9,6011,47+1,87+19,5 %Ist-Zeit 21,5 statt 18,0 min
FEK CAM-Programmierung1,150,88−0,27−23,5 %CAM-Zeit 55 statt 60 min
Restgemeinkosten (35,1 %)3,774,33+0,56+14,9 %folgt FEK
Maschinenkosten (MSR × Zeit)15,7718,32+2,55+16,2 %Belegung 23,7 statt 20,4 min
SEKF Spezialfräser4,206,80+2,60+61,9 %Standzeit halbiert
SEKF Spannvorrichtung4,804,800,000,0 %wie geplant
→ Fertigungskosten39,2946,60+7,31+18,6 %
→ Herstellkosten131,94144,05+12,11+9,2 %
VwGK + VtGK (17,8 %)23,4925,64+2,15+9,2 %folgt HK
SEKV Frei-Haus3,503,500,000,0 %Konditionen unverändert
→ Selbstkosten158,93173,19+14,26+9,0 %
→ Gewinn je Stück23,849,58−14,26−59,8 %Preis war fest
Das Ergebnis

Der Auftrag hat 14,26 €/Stück mehr gekostet als kalkuliert — bei Los 50 sind das 713,00 € Mehrkosten. Der geplante Gewinn von 1.192,00 € ist auf 479,00 € geschrumpft. Drei Treiber, nach Gewicht: die SEKF-Fräser verschlissen doppelt so schnell wie geplant (+2,60 €), die Maschinenbelegung lag 16 % über Plan (+2,55 €), die Bearbeitungszeit am Werker 19 % darüber (+1,87 €).

Bemerkenswert ist die Gegenbewegung: Die CAM-Programmierung war fünf Minuten schneller als geplant. Sie kompensiert knapp ein Siebtel der Zeitüberschreitung — zu wenig, um das Ergebnis zu drehen, aber ein Hinweis darauf, wo die Vorkalkulation zu vorsichtig war.

12.4 Abweichungen systematisch klassifizieren

Nicht jede Abweichung erfordert dieselbe Maßnahme. Die folgende Systematik ordnet sie nach Ursache und Dringlichkeit:

TypTypische UrsachenMaßnahmePriorität
Zeitabweichung FEK, MSRUngenaue Planzeitstudien · neue Maschine oder Bediener · unterschätzte RüstkomplexitätPlanzeiten anpassen, Erfahrungswerte aus der Nachkalkulation dokumentierenhoch
Werkzeugmehrverbrauch SEKFHärteres Material als erwartet · falscher Schnittdatensatz · QualitätsschwankungSEKF-Ansatz erhöhen, Schnittdaten optimieren, Werkzeug-Monitoringhoch
Ausschuss und NacharbeitToleranz überschritten · Werkzeugverschleiß · ProgrammierfehlerAusschussquote einkalkulieren, Fertigungsfreigabe verbessernhoch
Systemfehler kalkulatorische UrsacheFalscher MSS · veralteter BAB · überholte KapazitätsannahmeBAB und MSS aktualisieren — betrifft alle Aufträge, nicht nur diesenhoch
MaterialpreisabweichungRohstoffpreis · Währungseffekt · MindermengenzuschlagMEK laufend aktualisieren, Rahmenverträge, Risikoaufschlag bei volatilen Materialienmittel
Positive AbweichungBessere Schnittdaten · Lernkurve · RüstzeitoptimierungDokumentieren und als neue Planwerte übernehmenmittel
Die gefährlichste Kategorie

Systemfehler sehen aus wie Auftragsabweichungen, sind aber keine. Wenn der Maschinenstundensatz falsch ist oder der BAB veraltet, weicht jeder Auftrag ab — nur merkt es niemand, weil man die Ursache beim einzelnen Auftrag sucht. Der Test: Zeigen mehrere unabhängige Aufträge dieselbe Abweichungsrichtung, liegt das Problem in der Kalkulationsgrundlage, nicht in der Fertigung.

12.5 Der Lernkurveneffekt

Bei Wiederholaufträgen zeigt die Nachkalkulation regelmäßig einen Lernkurveneffekt: Jede Wiederholung läuft schneller, weil Bediener und Maschine auf das Teil eingerichtet sind. Die verbreitete 80-Prozent-Lernkurve besagt, dass bei jeder Verdopplung der kumulierten Stückzahl die Fertigungszeit auf 80 % des Ausgangswerts sinkt.

Titangehäuse über fünf Aufträge · je Los 50
Auftragkum. StückRüsten IstStückzeit IstFEK-Abw.Effekt
1.5078 min21,5 min+18,6 %Erstauftrag — Baseline
2.10065 min19,8 min+8,6 %−8 % durch Lernkurve
3.20060 min18,5 min+3,3 %Annäherung an die Soll-Stückzeit
4.50058 min17,8 min−1,1 %unter Soll — Kalkulation anpassen
5.1.00056 min17,2 min−3,9 %neue Planzeit festlegen: 17,2 min
Was das für die Kalkulation heißt

Ab dem dritten Folgeauftrag sollten die Ist-Zeiten als neue Planzeiten übernommen werden. Wer weiter mit den ursprünglichen Werten kalkuliert, wird systematisch zu teuer und verliert Folgeaufträge — im Beispiel läge die Kalkulation beim fünften Auftrag um 3,9 % über der tatsächlichen Zeit. Umgekehrt gilt: Wer die eingefahrenen Zeiten für einen Erstauftrag ansetzt, unterkalkuliert. Sauber ist die Trennung — für Erstaufträge einen begründeten Anlaufzuschlag ansetzen und im Angebot ausweisen, dann versteht auch der Kunde, warum die zweite Bestellung günstiger wird. Faustregel: Planzeiten nach dem dritten Auftrag aktualisieren, danach jährlich prüfen.

12.6 Checkliste

Was kommt in Kapitel 13?

Kapitel 13 verlässt die Vollkostensicht. Es zerlegt die Kosten in variable und fixe Bestandteile und beantwortet damit Fragen, die die Vollkostenrechnung nicht beantworten kann: Lohnt ein Auftrag unter Selbstkosten? Selbst fertigen oder zukaufen? Ab welcher Menge trägt sich die Kostenstelle?

David Krause
Dipl.-Wirtschaftsingenieur (FH) · 15+ Jahre Kostenrechnung, Werkscontrolling und Instandhaltung in CNC- und Druckgussfertigung. Schreibt hier alles auf, was sich in der Praxis bewährt hat.
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