Teil I — GrundlagenKapitel 03 / 18Lesepfad schneller Einstieg · Station 1Stand v23.1 · 07/2026
Die zehn teuersten Kalkulationsfehler
Sie entstehen nicht aus Unwissen, sondern weil die Methodik selten
jemand systematisch erklärt hat. Die Folge sind Kostensätze, die 10 bis 30 Prozent von
der Realität abweichen — in beide Richtungen.
10
wiederkehrende Fehler
15–35 %
Abweichung bei allen zehn
2,5 Mio.
Umsatz im Beispielbetrieb
3.1 Was diese Fehler kosten
Kostensätze, die 10 bis 30 Prozent danebenliegen, bedeuten bei einem Betrieb mit
2,5 Mio. € Umsatz zwischen 125.000 und 375.000 € Marge, die jährlich verloren geht —
entweder weil Preise zu hoch sind und Aufträge weggehen, oder weil Preise zu niedrig sind
und jeder Auftrag Substanz kostet.
Der Fehler ist selten spürbar
Eine zu hohe Kalkulation merkt man an verlorenen Angeboten — und schiebt es auf den
Wettbewerb. Eine zu niedrige merkt man gar nicht, weil die Aufträge ja kommen. Erst der
Jahresabschluss zeigt, dass die Auslastung stimmte und das Ergebnis trotzdem nicht. Zu
diesem Zeitpunkt ist das Jahr gelaufen.
3.2 Die zehn Fehler im Überblick
#01–#04 · BWL-Klassiker#05–#06 · aus der Werkshalle#07–#10 · methodische Brüche
#01Ertragsteuern als Kosten verbuchtStundensatz 3–8 % zu hoch
Körperschaft- und Gewerbesteuer sind Gewinnverwendung, keine Kosten. Sie gehören in die neutrale Abgrenzung. → Kapitel 4
Rechenbeispiel: 3,2 Mio. € Gesamtkosten, Ertragsteuern 186.000 € → 5,8 % auf jeden Satz. Bei 85 €/h = 4,93 €/h zu viel.
#02AfA auf Anschaffungskosten statt WiederbeschaffungswertAfA 15–40 % zu niedrig
Die Kalkulation muss die Ersatzbeschaffung verdienen, nicht den historischen Kaufpreis. → Kapitel 6
Rechenbeispiel: CNC-Drehzentrum, AHK 320.000 €, WBW 2026 412.000 €. Steuerlich 22.857 €/J vs. kalk. AfA auf WBW 22.889 €/J — im Dreischicht 34.333 €/J.
#04Kapazität überschätztFixkosten 40–60 % zu niedrig je Stunde
Wer mit 2.000 statt realistischen 1.400–1.700 Stunden rechnet, verteilt die Fixkosten auf Stunden, die es nie gab. → Kapitel 7
Rechenbeispiel: Fixkosten 75.000 €/J. Bei 2.000 h (falsch) 37,50 €/h, bei 1.500 h (real) 50,00 €/h → 12,50 €/h = 18.750 € versteckter Verlust je Maschine.
#05Spindellaufzeit mit Maschine-an-Zeit verwechselt30–50 % Werkzeugkostenfehler
Werkzeuge verschleißen nur, wenn die Spindel schneidet — nicht, solange die Maschine eingeschaltet ist. → Kapitel 14
Rechenbeispiel: 5-Achs-BAZ: Werkzeug pauschal 18 €/h × 2.000 h = 36.000 €. Real dreht die Spindel 1.200 h für 30 €/h — ein 2-h-Rüstauftrag trägt 36 € Werkzeug, das er nie verbrauchte.
#06Werkzeug- und Kühlschmierstoffkosten nach Gießkanne verteiltMontage subventioniert Schruppbearbeitung
Eine Stelle ohne Zerspanung trägt Werkzeugkosten mit, die sie nie verursacht hat. → Kapitel 15
Rechenbeispiel: 5 Fräszentren + 5 Montageplätze, Werkzeug 120.000 €/J pauschal auf 10 KSt = 12.000 €/KSt. Real verbraucht das Titan-Schruppen 38.000 € — die Montage subventioniert mit.
#07Pauschaler FGK-Zuschlag statt Maschinenstundensatz je KostenstelleCNC subventioniert Handarbeit
Der teuerste Einzelfehler dieser Liste — er verzerrt jede Kalkulation im Betrieb. → Kapitel 5 und 7
Rechenbeispiel: Pauschaler FGK 150 %: CNC-5-Achs real 92 €/h, pauschal 62 €/h → 30 €/h zu billig; Handschweißen real 28 €/h, pauschal 62 €/h → 34 €/h zu teuer.
#08Kalkulatorische Kosten fehlen5–12 €/h systemweit zu billig
Kalkulatorischer Unternehmerlohn, Zinsen auf das eingesetzte Kapital, Wagniszuschläge — in der GuV stehen sie nicht. → Kapitel 4
Eine Jahresversicherung im März verteuert den März-Stundensatz — und macht ihn unbrauchbar für Angebote. → Kapitel 4
Rechenbeispiel: Jahresversicherung im März voll gebucht: März-Satz steigt einmalig, alle anderen Monate zu niedrig — der Satz wird für Angebote unbrauchbar.
#10Handarbeitsplätze ohne eigenen Ressourcen-StundensatzQuersubventionierung in beide Richtungen
Montageplätze brauchen keinen Maschinensatz, aber einen eigenen Zuschlagssatz. → Kapitel 5
Rechenbeispiel: Januar: Großreparatur 42.000 € → FGK +35 %, Satz springt 68 → 92 €/h. Februar ohne Sondereffekt → 58 €/h. Monat für Monat eine Lotterie.
Woher die drei Gruppen kommen
Die Fehler #01 bis #04 entstehen an der Schnittstelle zwischen Finanzbuchhaltung und
Kostenrechnung — dort, wo der Steuerberater aufhört und die Kalkulation beginnen müsste.
Die Fehler #05 und #06 kommen direkt aus der Werkshalle: Wer nie an einer CNC-Maschine
gestanden hat, macht sie fast zwangsläufig. Die Fehler #07 bis #10 sind methodische
Brüche, die sich durch das gesamte System ziehen.
3.3 Die kumulierte Wirkung
Die eigentliche Gefahr liegt nicht im einzelnen Fehler, sondern in der Kombination.
Kumulierter Impact bei allen zehn Fehlern
Gruppe
Wirkung
#01–#04 · BWL-Klassiker
Stundensatz systemweit 8–20 € falsch
#05–#06 · Werkshalle
Werkzeugkosten-Zuordnung 30–50 % daneben
#07–#10 · methodisch
Quersubventionierung zwischen Kostenstellen — unsichtbar, aber konstant
Gesamtabweichung
15–35 % vom tatsächlichen Kostensatz
Bei 2,5 Mio. € Umsatz
375.000–875.000 € Marge, die systematisch fehlt oder verschenkt wird
Das stabile Gleichgewicht des Irrtums
Wer alle zehn Fehler macht, kalkuliert mit strukturell verzerrten Sätzen — und die
Verzerrung wirkt in beide Richtungen gleichzeitig. Man gewinnt die Aufträge, an denen man
verliert, und verliert die, an denen man verdient hätte. Das System ist in sich stimmig
und liefert jahrelang plausible Zahlen. Genau deshalb fällt es nicht auf.
Wie es weitergeht
Jeder dieser Fehler hat eine klare Lösung, und jede ist in diesem Buch mit
vollständiger Rechnung beschrieben. Wenn Sie dem Lesepfad „schneller Einstieg" folgen,
geht es weiter mit Kapitel 8 — dort werden alle zehn Fehler am Referenzbetrieb korrigiert,
mit Vorher-Nachher-Rechnung. Wer den Aufbau von Grund auf will, beginnt bei
Kapitel 4.
David Krause
Dipl.-Wirtschaftsingenieur (FH) · 15+ Jahre Kostenrechnung, Werkscontrolling und
Instandhaltung in CNC- und Druckgussfertigung. Schreibt hier alles auf, was sich
in der Praxis bewährt hat.