4.1 Warum die GuV nicht reicht
Die Finanzbuchhaltung erfüllt gesetzliche Pflichten: Sie dokumentiert vergangene Geschäftsvorfälle nach handels- und steuerrechtlichen Regeln. Die Kostenrechnung hat ein anderes Ziel — sie soll zeigen, was ein Produkt tatsächlich kostet, damit man es richtig bepreisen kann. Beides deckt sich nur teilweise.
Drei Beispiele für die Lücke: Die Gewerbesteuer steht in der GuV, gehört aber nicht in den Preis eines Bauteils. Die bilanzielle Abschreibung rechnet auf den Kaufpreis, die Kalkulation braucht den Wiederbeschaffungswert. Und der Unternehmerlohn eines Einzelunternehmers steht in der GuV überhaupt nicht — kostet den Betrieb aber sehr wohl Geld.
4.2 Die vier Kostenkategorien
Jede GuV-Position fällt in genau eine dieser Kategorien. Die Zuordnung bestimmt die Behandlung:
Anderskosten werden nicht eliminiert, sondern ersetzt. Wer die bilanzielle Abschreibung streicht und nichts an ihre Stelle setzt, kalkuliert ohne Abschreibung — der Stundensatz bricht ein und jede Maschine erwirtschaftet ihre Ersatzbeschaffung nicht mehr. Der richtige Vorgang ist zweistufig: bilanzielle AfA raus, kalkulatorische AfA auf den Wiederbeschaffungswert rein.
4.3 Was die GuV verschweigt: kalkulatorische Kosten
| Kostenart | Warum sie fehlt | Ansatz |
|---|---|---|
| Kalkulatorische Abschreibung | Bilanziell wird auf die historischen Anschaffungskosten und die steuerliche Nutzungsdauer abgeschrieben | Wiederbeschaffungswert / technische Nutzungsdauer → Kapitel 6 |
| Kalkulatorische Zinsen | Zinsen auf Eigenkapital erscheinen nirgends — das Geld ist aber gebunden | betriebsnotwendiges Kapital × Zinsfuß × 0,5 |
| Kalkulatorischer Unternehmerlohn | Bei Einzelunternehmen und Personengesellschaften ist der Gewinn der Lohn | Marktübliches Geschäftsführergehalt für vergleichbare Verantwortung |
Alle drei Positionen beschreiben reale wirtschaftliche Belastungen, die das Steuerrecht nur nicht anerkennt. Wer sie weglässt, unterbietet die eigene Kostenbasis strukturell — und wundert sich, warum bei voller Auslastung nichts übrig bleibt. Im Referenzbetrieb machen kalkulatorische Kosten allein bei der Kostenstelle 210 rund 70.000 €/Jahr aus, das sind über 20 €/Maschinenstunde.
| Schritt | Formel | Beispiel CNC-Drehzentrum |
|---|---|---|
| 1 · WBW ermitteln | AHK × Preisindex | 340.000 × 1,21 = 411.400 € |
| 2 · techn. ND festlegen | Schichtmodell beachten | 13 Jahre (Zweischicht) |
| 3 · kalk. AfA/Jahr | WBW / NDtechn | 411.400 / 13 = 31.646 € |
| 4 · vergleichen mit Bilanz-AfA | AHK / NDsteuer | 340.000 / 8 = 42.500 € |
Die kalkulatorische AfA läuft über die gesamte technische Lebensdauer weiter — auch wenn die Maschine steuerlich längst abgeschrieben ist. Genau das verhindert, dass eine alte, aber produktive Anlage scheinbar „kostenlos" kalkuliert wird.
Beispiel: 412.000 € × 5 % × 0,5 = 10.300 €/Jahr
Der Faktor 0,5 bildet die über die Nutzungsdauer linear sinkende Kapitalbindung ab. Verzinst wird das betriebsnotwendige Kapital — unabhängig davon, ob es Eigen- oder Fremdkapital ist.
Nur relevant bei Einzelunternehmen und Personengesellschaften, bei denen der Inhaber kein Geschäftsführergehalt bezieht. Angesetzt wird, was ein angestellter Geschäftsführer für dieselbe Tätigkeit verdienen würde (Orientierung: 80.000–140.000 €/Jahr je nach Betriebsgröße). Bei einer GmbH ist der Posten bereits als Gehalt in der GuV enthalten und entfällt hier — sonst würde er doppelt zählen.
Einzelwagnisse — Forderungsausfälle, Gewährleistung, Ausschussrisiken — werden pauschal angesetzt (Gewährleistung typisch 0,5–2 % des Umsatzes, Ausschuss je nach Verfahren). Voraussetzung: Die tatsächlichen Kosten werden dann nicht mehr zusätzlich als neutraler Aufwand aus der GuV übernommen — sonst zählt das Risiko doppelt. Das allgemeine Unternehmerwagnis gehört nicht hierher; es ist über den Gewinn abgegolten.
4.4 Periodenabgrenzung
Die zweite Abgrenzung ist zeitlich. Einmalige Zahlungen dürfen den Monat, in dem sie anfallen, nicht verzerren — sonst springt der Stundensatz und ist für Angebote unbrauchbar.
| Position | Zahlung | Kalkulatorischer Ansatz |
|---|---|---|
| Betriebshaftpflicht | einmal jährlich im März | 1/12 pro Monat |
| Weihnachtsgeld | November | 1/12 pro Monat |
| Große Maschineninspektion | alle 3 Jahre | 1/36 pro Monat |
| Software-Jahreslizenz | Januar | 1/12 pro Monat |
4.5 Der Kostenartenplan: 24 Knoten
Das Ergebnis der Abgrenzung ist ein Kostenartenplan, der alle relevanten Kosten strukturiert — von den Einzelkosten über die Gemeinkosten und kalkulatorischen Kosten bis zu den neutralen Positionen, die ausgesondert werden. Das Schema ist für Fertigungsbetriebe unabhängig von Branche und Größe anwendbar.
| Nr. | Gruppe | Inhalt | SKR03 |
|---|---|---|---|
| 01 | Materialeinzelkosten (MEK) | Fertigungsmaterial, Rohstoffe, Halbzeuge — direkt im Produkt | 3200–3299 |
| 02 | Fertigungseinzelkosten (FEK) | Löhne der produktiv tätigen Werker | 4110 |
| 03 | Sondereinzelkosten Fertigung | Auftragsbezogene Werkzeuge, Formen, Vorrichtungen | individuell |
| 04–13 | Gemeinkosten | Hilfslöhne, Gehälter, Energie, Instandhaltung, Verbrauchswerkzeuge, Raumkosten, Versicherungen, IT, Werbung, Sonstiges | 3xxx–4xxx |
| 14–17 | Kalkulatorische Kosten | AfA auf WBW, Zinsen, Unternehmerlohn, Wagnisse | — |
| 18–24 | Neutrale Positionen | Ertragsteuern, Spenden, periodenfremde und außerordentliche Aufwendungen — werden ausgesondert | 2200, 2208, 4320, 2380 ff. |
Der Abgrenzungs-Mapper nimmt eine DATEV-Summen- und Saldenliste entgegen und ordnet die Konten diesen 24 Knoten zu — regelbasiert, mit manueller Korrekturmöglichkeit und vollständig offline im Browser. Wie er technisch funktioniert, steht im Artikel zu lokalen Sprachmodellen.
4.6 Von der GuV zum verrechenbaren Kostenblock
− neutrale Aufwendungen
− Anderskosten (bilanzielle Werte)
+ kalkulatorische Kosten
= verrechenbare Kosten der Kostenrechnung
Erst dieser Block geht in den Betriebsabrechnungsbogen — und wird dort auf die Kostenstellen verteilt. Ohne saubere Abgrenzung erbt jede folgende Stufe den Fehler: Der BAB verteilt falsche Beträge, der Maschinenstundensatz wird falsch, und jedes Angebot trägt die Abweichung weiter.
4.7 SKR03 / SKR04 — Kontenzuordnung zur Kostenrechnung
Der folgende Auszug zeigt die kostenrechnungsrelevanten Konten mit ihrer Zuordnung zu den Knoten des Kostenartenplans. Nicht aufgeführte Konten fallen in der Regel unter neutrale Aufwendungen (NK) oder sind nicht kostenrechnungsrelevant. EK = Einzelkosten, GK = Gemeinkosten, KK = kalkulatorische Kosten, NK = neutral.
| Konto | Bezeichnung | Knoten / Kostenart | Typ |
|---|---|---|---|
| 3200–3299 | Fertigungsmaterial / Rohstoffe | 01 Materialeinzelkosten | EK |
| 3000–3099 | Hilfs- und Betriebsstoffe | 04 Hilfs-/Betriebsstoffe | GK |
| 4100 | Fertigungslöhne | 02 Fertigungseinzelkosten | EK |
| 4110, 4190 | Hilfslöhne (Einrichter, Transport) | 06 Fertigungsgemeinkosten | GK |
| 4150–4199 | Sozialkosten Fertigung (AG-Anteil) | 06 Fertigungsgemeinkosten | GK |
| 4800–4804 | Instandhaltung / Reparatur | 08 Instandhaltung | GK |
| 4830 | Bilanzielle Abschreibungen ⚠️ | 16 → durch kalk. AfA ersetzen | AK |
| 4993 | Kalk. Abschreibung | 17 Kalk. AfA (WBW / NDtechn) | KK |
| 4992 | Kalk. Zinsen | 18 Kalk. Zinsen (WBW × i × 0,5) | KK |
| 4991 | Kalk. Miete (nur bei Eigenbesitz) | 19 Kalk. Miete | KK |
| 4990 | Kalk. Unternehmerlohn (nur EU/PersG) | 20 Kalk. Unternehmerlohn | KK |
| 2375 | Grundsteuer (Aufwandsteuer) | 15 Sonstige Gemeinkosten | GK |
| 4510 | Kfz-Steuer (Aufwandsteuer) | 15 Sonstige Gemeinkosten | GK |
| 2200, 2208 | Körperschaft-/Gewerbesteuer, SolZ | 23 Ertragsteuern | NK |
Der SKR04 folgt der Bilanzgliederung statt der Prozesslogik. Für die Kostenrechnung ändert sich die Systematik der Kontonummern, nicht die Zuordnung zu den Knoten: Materialaufwand liegt im SKR04 in der Klasse 5xxx (statt 3xxx), Personalaufwand in 6xxx (statt 4xxx), Abschreibungen in 62xx. Die Regel „bilanzielle AfA durch kalkulatorische AfA ersetzen" und die Behandlung der Aufwandsteuern gelten unverändert.
Nachschliffkosten gehören methodisch zu den Verbrauchswerkzeugen (Knoten 05), nicht zur Instandhaltung — im SKR als betriebsindividuelles Unterkonto führen. Das Standardkonto 4805 ist Reparatur/IH der Betriebs- und Geschäftsausstattung und würde die Werkzeugkosten falsch in die Instandhaltung ziehen.
4.8 Checkliste: Kostenartenrechnung aufbauen
- ☐ 1GuV-Salden nach Kostenarten gliedern (SKR03/04)Kap. 4.5
- ☐ 2Neutrale Aufwendungen aussondern (betriebsfremd, periodenfremd, außerordentlich)Kap. 4.3
- ☐ 3Bilanz-AfA durch kalkulatorische AfA (WBW / techn. ND) ersetzenKap. 6
- ☐ 4Kalkulatorische Zinsen auf betriebsnotwendiges Kapital ansetzen
- ☐ 5Kalk. Unternehmerlohn — nur bei Einzelunternehmen / PersG
- ☐ 6Kalk. Wagnisse pauschal, dafür Ist-Kosten nicht doppelt
- ☐ 7Einzel- von Gemeinkosten trennen (Zuschlagsbasis vs. BAB)Kap. 5
- ☐ 8Ergebnis = verrechenbarer Kostenblock für den BABKap. 4.6
4.9 Formelreferenz: kalkulatorische Kosten
Kalk. Zinsen = WBW × Zinsfuß × 0,5
Kalk. Unternehmerlohn = Marktgehalt GF (nur EU / PersG)
Kalk. Wagnis = Bezugsbasis × Wagnissatz (z. B. Umsatz × 1 %)
WBW = AHK × Preisindex (EPI, GENESIS 61241)
Kapitel 5 nimmt diesen Kostenblock und verteilt ihn im Betriebsabrechnungsbogen auf die Kostenstellen — mit Primär- und Sekundärumlage. Am Ende stehen die Zuschlagssätze, mit denen ab Kapitel 10 jede Kalkulation arbeitet.