David Krause Fachbuch · Teil II · Kapitel 4
Teil II — Kostenartenrechnung Kapitel 04 / 18 Grundlage DATEV SKR03/04 Stand v23.1 · 07/2026

Von der GuV zum Kostenartenplan

Die Gewinn- und Verlustrechnung ist für das Finanzamt gemacht, nicht für die Kalkulation. Bevor mit ihren Zahlen gerechnet werden kann, müssen sie abgegrenzt werden — vier Kategorien entscheiden über die Behandlung jeder Position.

4
Kostenkategorien
24
Knoten im Kostenartenplan
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Arten kalkulatorischer Kosten

4.1 Warum die GuV nicht reicht

Die Finanzbuchhaltung erfüllt gesetzliche Pflichten: Sie dokumentiert vergangene Geschäftsvorfälle nach handels- und steuerrechtlichen Regeln. Die Kostenrechnung hat ein anderes Ziel — sie soll zeigen, was ein Produkt tatsächlich kostet, damit man es richtig bepreisen kann. Beides deckt sich nur teilweise.

Drei Beispiele für die Lücke: Die Gewerbesteuer steht in der GuV, gehört aber nicht in den Preis eines Bauteils. Die bilanzielle Abschreibung rechnet auf den Kaufpreis, die Kalkulation braucht den Wiederbeschaffungswert. Und der Unternehmerlohn eines Einzelunternehmers steht in der GuV überhaupt nicht — kostet den Betrieb aber sehr wohl Geld.

4.2 Die vier Kostenkategorien

Jede GuV-Position fällt in genau eine dieser Kategorien. Die Zuordnung bestimmt die Behandlung:

Grundkosten Zweckaufwendungen, die zweckentsprechend und periodengerecht angefallen sind: Fertigungsmaterial, Löhne, Energie, Versicherungen.
→ 1:1 in die Kostenrechnung übernehmen · SKR03 3xxx, 4110, 4240, 4360
Neutrale Aufwendungen Nicht betriebszweckbezogen oder außerordentlich: Ertragsteuern, Spenden, periodenfremde Aufwendungen, Anlagenabgänge.
→ vollständig eliminieren · SKR03 2200 KSt, 4320 GewSt, 2208 Soli, 2380 ff.
Anderskosten Aufwendungen, die in anderer Höhe in die Kostenrechnung eingehen als in die GuV — vor allem die Abschreibung.
→ ersetzen, nicht streichen · SKR03 4830 bilanzielle AfA → kalk. AfA auf WBW
Zusatzkosten Kosten, die in der Kostenrechnung gebraucht werden, aber in der GuV gar nicht erscheinen.
→ zusätzlich aufnehmen · kalk. Unternehmerlohn, kalk. Eigenkapitalzinsen, kalk. Wagnisse
Anderskosten — der häufigste Irrtum

Anderskosten werden nicht eliminiert, sondern ersetzt. Wer die bilanzielle Abschreibung streicht und nichts an ihre Stelle setzt, kalkuliert ohne Abschreibung — der Stundensatz bricht ein und jede Maschine erwirtschaftet ihre Ersatzbeschaffung nicht mehr. Der richtige Vorgang ist zweistufig: bilanzielle AfA raus, kalkulatorische AfA auf den Wiederbeschaffungswert rein.

4.3 Was die GuV verschweigt: kalkulatorische Kosten

Die drei kalkulatorischen Kostenarten
KostenartWarum sie fehltAnsatz
Kalkulatorische AbschreibungBilanziell wird auf die historischen Anschaffungskosten und die steuerliche Nutzungsdauer abgeschriebenWiederbeschaffungswert / technische Nutzungsdauer → Kapitel 6
Kalkulatorische ZinsenZinsen auf Eigenkapital erscheinen nirgends — das Geld ist aber gebundenbetriebsnotwendiges Kapital × Zinsfuß × 0,5
Kalkulatorischer UnternehmerlohnBei Einzelunternehmen und Personengesellschaften ist der Gewinn der LohnMarktübliches Geschäftsführergehalt für vergleichbare Verantwortung
Warum das keine Rechentricks sind

Alle drei Positionen beschreiben reale wirtschaftliche Belastungen, die das Steuerrecht nur nicht anerkennt. Wer sie weglässt, unterbietet die eigene Kostenbasis strukturell — und wundert sich, warum bei voller Auslastung nichts übrig bleibt. Im Referenzbetrieb machen kalkulatorische Kosten allein bei der Kostenstelle 210 rund 70.000 €/Jahr aus, das sind über 20 €/Maschinenstunde.

Kalk. AfA — die vier Rechenschritte
SchrittFormelBeispiel CNC-Drehzentrum
1 · WBW ermittelnAHK × Preisindex340.000 × 1,21 = 411.400 €
2 · techn. ND festlegenSchichtmodell beachten13 Jahre (Zweischicht)
3 · kalk. AfA/JahrWBW / NDtechn411.400 / 13 = 31.646 €
4 · vergleichen mit Bilanz-AfAAHK / NDsteuer340.000 / 8 = 42.500 €

Die kalkulatorische AfA läuft über die gesamte technische Lebensdauer weiter — auch wenn die Maschine steuerlich längst abgeschrieben ist. Genau das verhindert, dass eine alte, aber produktive Anlage scheinbar „kostenlos" kalkuliert wird.

Kalkulatorische Zinsen — Durchschnittsmethode Kalk. Zinsen = WBW × Zinsfuß × 0,5
Beispiel: 412.000 € × 5 % × 0,5 = 10.300 €/Jahr

Der Faktor 0,5 bildet die über die Nutzungsdauer linear sinkende Kapitalbindung ab. Verzinst wird das betriebsnotwendige Kapital — unabhängig davon, ob es Eigen- oder Fremdkapital ist.
Kalkulatorischer Unternehmerlohn

Nur relevant bei Einzelunternehmen und Personengesellschaften, bei denen der Inhaber kein Geschäftsführergehalt bezieht. Angesetzt wird, was ein angestellter Geschäftsführer für dieselbe Tätigkeit verdienen würde (Orientierung: 80.000–140.000 €/Jahr je nach Betriebsgröße). Bei einer GmbH ist der Posten bereits als Gehalt in der GuV enthalten und entfällt hier — sonst würde er doppelt zählen.

Kalkulatorische Wagnisse

Einzelwagnisse — Forderungsausfälle, Gewährleistung, Ausschussrisiken — werden pauschal angesetzt (Gewährleistung typisch 0,5–2 % des Umsatzes, Ausschuss je nach Verfahren). Voraussetzung: Die tatsächlichen Kosten werden dann nicht mehr zusätzlich als neutraler Aufwand aus der GuV übernommen — sonst zählt das Risiko doppelt. Das allgemeine Unternehmerwagnis gehört nicht hierher; es ist über den Gewinn abgegolten.

4.4 Periodenabgrenzung

Die zweite Abgrenzung ist zeitlich. Einmalige Zahlungen dürfen den Monat, in dem sie anfallen, nicht verzerren — sonst springt der Stundensatz und ist für Angebote unbrauchbar.

PositionZahlungKalkulatorischer Ansatz
Betriebshaftpflichteinmal jährlich im März1/12 pro Monat
WeihnachtsgeldNovember1/12 pro Monat
Große Maschineninspektionalle 3 Jahre1/36 pro Monat
Software-JahreslizenzJanuar1/12 pro Monat

4.5 Der Kostenartenplan: 24 Knoten

Das Ergebnis der Abgrenzung ist ein Kostenartenplan, der alle relevanten Kosten strukturiert — von den Einzelkosten über die Gemeinkosten und kalkulatorischen Kosten bis zu den neutralen Positionen, die ausgesondert werden. Das Schema ist für Fertigungsbetriebe unabhängig von Branche und Größe anwendbar.

Struktur des Kostenartenplans
Nr.GruppeInhaltSKR03
01Materialeinzelkosten (MEK)Fertigungsmaterial, Rohstoffe, Halbzeuge — direkt im Produkt3200–3299
02Fertigungseinzelkosten (FEK)Löhne der produktiv tätigen Werker4110
03Sondereinzelkosten FertigungAuftragsbezogene Werkzeuge, Formen, Vorrichtungenindividuell
04–13GemeinkostenHilfslöhne, Gehälter, Energie, Instandhaltung, Verbrauchswerkzeuge, Raumkosten, Versicherungen, IT, Werbung, Sonstiges3xxx–4xxx
14–17Kalkulatorische KostenAfA auf WBW, Zinsen, Unternehmerlohn, Wagnisse
18–24Neutrale PositionenErtragsteuern, Spenden, periodenfremde und außerordentliche Aufwendungen — werden ausgesondert2200, 2208, 4320, 2380 ff.
Werkzeug zum Ausprobieren

Der Abgrenzungs-Mapper nimmt eine DATEV-Summen- und Saldenliste entgegen und ordnet die Konten diesen 24 Knoten zu — regelbasiert, mit manueller Korrekturmöglichkeit und vollständig offline im Browser. Wie er technisch funktioniert, steht im Artikel zu lokalen Sprachmodellen.

4.6 Von der GuV zum verrechenbaren Kostenblock

Der Abgrenzungsvorgang in einer Zeile Gesamtaufwand GuV
neutrale Aufwendungen
Anderskosten (bilanzielle Werte)
+ kalkulatorische Kosten
= verrechenbare Kosten der Kostenrechnung

Erst dieser Block geht in den Betriebsabrechnungsbogen — und wird dort auf die Kostenstellen verteilt. Ohne saubere Abgrenzung erbt jede folgende Stufe den Fehler: Der BAB verteilt falsche Beträge, der Maschinenstundensatz wird falsch, und jedes Angebot trägt die Abweichung weiter.

4.7 SKR03 / SKR04 — Kontenzuordnung zur Kostenrechnung

Der folgende Auszug zeigt die kostenrechnungsrelevanten Konten mit ihrer Zuordnung zu den Knoten des Kostenartenplans. Nicht aufgeführte Konten fallen in der Regel unter neutrale Aufwendungen (NK) oder sind nicht kostenrechnungsrelevant. EK = Einzelkosten, GK = Gemeinkosten, KK = kalkulatorische Kosten, NK = neutral.

SKR03 · wesentliche Konten
KontoBezeichnungKnoten / KostenartTyp
3200–3299Fertigungsmaterial / Rohstoffe01 MaterialeinzelkostenEK
3000–3099Hilfs- und Betriebsstoffe04 Hilfs-/BetriebsstoffeGK
4100Fertigungslöhne02 FertigungseinzelkostenEK
4110, 4190Hilfslöhne (Einrichter, Transport)06 FertigungsgemeinkostenGK
4150–4199Sozialkosten Fertigung (AG-Anteil)06 FertigungsgemeinkostenGK
4800–4804Instandhaltung / Reparatur08 InstandhaltungGK
4830Bilanzielle Abschreibungen ⚠️16 → durch kalk. AfA ersetzenAK
4993Kalk. Abschreibung17 Kalk. AfA (WBW / NDtechn)KK
4992Kalk. Zinsen18 Kalk. Zinsen (WBW × i × 0,5)KK
4991Kalk. Miete (nur bei Eigenbesitz)19 Kalk. MieteKK
4990Kalk. Unternehmerlohn (nur EU/PersG)20 Kalk. UnternehmerlohnKK
2375Grundsteuer (Aufwandsteuer)15 Sonstige GemeinkostenGK
4510Kfz-Steuer (Aufwandsteuer)15 Sonstige GemeinkostenGK
2200, 2208Körperschaft-/Gewerbesteuer, SolZ23 ErtragsteuernNK
SKR04 — die wesentlichen Unterschiede

Der SKR04 folgt der Bilanzgliederung statt der Prozesslogik. Für die Kostenrechnung ändert sich die Systematik der Kontonummern, nicht die Zuordnung zu den Knoten: Materialaufwand liegt im SKR04 in der Klasse 5xxx (statt 3xxx), Personalaufwand in 6xxx (statt 4xxx), Abschreibungen in 62xx. Die Regel „bilanzielle AfA durch kalkulatorische AfA ersetzen" und die Behandlung der Aufwandsteuern gelten unverändert.

Die wichtigste Sonderregel

Nachschliffkosten gehören methodisch zu den Verbrauchswerkzeugen (Knoten 05), nicht zur Instandhaltung — im SKR als betriebsindividuelles Unterkonto führen. Das Standardkonto 4805 ist Reparatur/IH der Betriebs- und Geschäftsausstattung und würde die Werkzeugkosten falsch in die Instandhaltung ziehen.

4.8 Checkliste: Kostenartenrechnung aufbauen

4.9 Formelreferenz: kalkulatorische Kosten

Auf einen Blick Kalk. AfA = WBW / NDtechn
Kalk. Zinsen = WBW × Zinsfuß × 0,5
Kalk. Unternehmerlohn = Marktgehalt GF (nur EU / PersG)
Kalk. Wagnis = Bezugsbasis × Wagnissatz (z. B. Umsatz × 1 %)
WBW = AHK × Preisindex (EPI, GENESIS 61241)
Was kommt in Kapitel 5?

Kapitel 5 nimmt diesen Kostenblock und verteilt ihn im Betriebsabrechnungsbogen auf die Kostenstellen — mit Primär- und Sekundärumlage. Am Ende stehen die Zuschlagssätze, mit denen ab Kapitel 10 jede Kalkulation arbeitet.

David Krause
Dipl.-Wirtschaftsingenieur (FH) · 15+ Jahre Kostenrechnung, Werkscontrolling und Instandhaltung in CNC- und Druckgussfertigung. Schreibt hier alles auf, was sich in der Praxis bewährt hat.
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