David Krause Fachbuch · Teil III · Kapitel 6
Teil III — Kapazität & Stundensatz Kapitel 06 / 18 Referenzbetrieb Präzisionsteile Muster GmbH Stand v23.0 · 07/2026

Maschinenstundensatz: die Grundlagen

Bevor gerechnet wird, müssen zwei Fragen geklärt sein: Welche Kosten gehören an die Maschine und welche an den Menschen? Und auf welchen Wert wird abgeschrieben — den bezahlten oder den heutigen? Beide Antworten entscheiden über die Tragfähigkeit jedes Stundensatzes.

MSR
maschinenabhängig · €/Mh
RGK
personalabhängig · % auf FL
6
Kostenkomponenten

6.1 Was ist der Maschinenstundensatz?

Der Maschinenstundensatz (MSS) beziffert, was eine Stunde Maschinenlaufzeit den Betrieb kostet — unabhängig davon, wer die Maschine bedient und was sie gerade fertigt. Er ist die Antwort auf eine Frage, die pauschale Zuschlagssätze nicht beantworten können: Warum kostet eine Stunde am 5-Achs-Bearbeitungszentrum ein Vielfaches einer Stunde am Montageplatz?

Wozu der Aufwand

Ein Betrieb mit pauschalem Fertigungsgemeinkostenzuschlag verrechnet für jede Kostenstelle denselben Aufschlag auf den Lohn. Kapitalintensive Anlagen werden dadurch systematisch zu billig angeboten, personalintensive Stellen zu teuer. Das Ergebnis: Man gewinnt die Aufträge, an denen man verliert, und verliert die, an denen man verdient hätte. Der MSS macht diesen Unterschied sichtbar.

Zwischen dem pauschalen Zuschlag und dem Maschinenstundensatz liegt eine Zwischenstufe, die viele Betriebe bereits fahren: der differenzierte FGK-Zuschlag. Statt eines einzigen Aufschlags für das ganze Werk bekommt jede Fertigungskostenstelle ihren eigenen Prozentsatz auf den Fertigungslohn. Das ist ein echter Fortschritt gegenüber dem pauschalen Satz — löst das Grundproblem aber nur teilweise.

Drei Stufen der Fertigungsgemeinkosten-Verrechnung
StufeBezugsgrößeWas es leistetGrenze
Pauschaler FGK-Zuschlagein %-Satz auf Fertigungslohn, werkweiteinfachste Kalkulation, minimaler Aufwandquersubventioniert Kapital- gegen Personalstellen komplett
Differenzierter FGK-Zuschlageigener %-Satz je Kostenstelle, auf Fertigungslohntrennt teure von günstigen Bereichen — solange die Kosten dem Lohn folgenversagt, sobald Maschinenkosten > Lohnkosten: der Bezug „auf Lohn" stimmt dann nicht mehr
Maschinenstundensatz (MSR)€ je Maschinenstunde, Rest als RGK auf Lohnbildet maschinengebundene Kosten verursachungsgerecht abhöherer Erfassungsaufwand (WBW, ND, Produktivstunden)
Wann reicht der differenzierte Zuschlag — und wann nicht?

Der entscheidende Test ist der Bezug: Ein FGK-Zuschlag rechnet Gemeinkosten proportional zum Fertigungslohn hoch. Das funktioniert, solange die Gemeinkosten einer Stelle tatsächlich mit dem Personaleinsatz steigen — also an lohnintensiven Plätzen (Montage, Schweißen, Handarbeit). Sobald aber eine Anlage den Großteil der Stellenkosten verursacht und weiterläuft, ob ein Werker daneben steht oder nicht, koppelt der Lohnbezug die Verrechnung von der falschen Größe ab: Ein schneller Rüstauftrag mit wenig Lohn trägt zu wenig Maschinenkosten, ein langer Automatiklauf mit wenig Personalpräsenz zu viel. Genau hier — und erst hier — lohnt der Wechsel zum MSS. Als Faustregel: Übersteigt der Maschinenkostenanteil einer Stelle rund 30 % der Fertigungskosten, verzerrt auch der differenzierte Zuschlag; darunter reicht er aus. Die systematische Entscheidungsregel steht in Kapitel 9.

6.2 MSR und RGK — die entscheidende Trennung

Die methodische Kernunterscheidung liegt im Splitting der Gemeinkosten. Maschinen­abhängige Kosten werden je Maschinenstunde verrechnet, personalabhängige als prozentualer Zuschlag auf die Fertigungslöhne. Diese Trennung verhindert, dass Lohnveränderungen den Maschinenstundensatz verfälschen — und umgekehrt.

Zuordnung der Gemeinkostenarten
MSR-Kosten maschinenabhängig → €/MhRGK-Kosten personalabhängig → % auf FL
Kalkulatorische AfA auf den WBWHilfslöhne (Einsteller, Transport)
Kalkulatorische Zinsen (WBW × i × 0,5)Gehälter Meister und Schichtführer
Energiekosten (Strom, Druckluft)Sozialkosten auf Gemeinkostenlöhne
Instandhaltung und WartungVersicherungen (anteilig)
Verbrauchswerkzeuge, WendeschneidplattenSonstige Gemeinkosten der Stelle
Raumkosten (anteilig nach Fläche)
MSR = Σ MSR-Kosten / h_prodRGK % = Σ RGK-Kosten / FEK × 100
Beide Sätze im Zusammenspiel

Kostenstelle 200 (Drehen) aus dem BAB in Kapitel 5: MSR 20,13 €/Mh, RGK 39,8 % auf den Fertigungslohn. Ein Auftrag mit 2 Maschinenstunden und 85 € Fertigungslohn erzeugt damit 2 × 20,13 = 40,26 € maschinenabhängige und 85 × 0,398 = 33,83 € personalabhängige Gemeinkosten — zusammen 74,09 €. Ein pauschaler Zuschlag hätte hier keine der beiden Größen richtig abgebildet.

6.3 Die sechs Kostenkomponenten

Der MSR setzt sich aus höchstens sechs Komponenten zusammen. Nicht jede ist für jede Maschine relevant — aber jede potentiell relevante muss geprüft und entweder angesetzt oder bewusst auf null gesetzt werden. Vergessene Komponenten sind der häufigste Grund für zu niedrige Stundensätze.

Die sechs Komponenten und ihre Formeln
#KomponenteFormelDatenquelle
1Kalkulatorische AfAWBW / NDtechnAnlagenspiegel + Preisindex
2Kalkulatorische ZinsenWBW × i × 0,5Marktzins + Risikoprämie
3EnergiekostenkW × Auslastungsfaktor × h × €/kWhTypenschild + Stromrechnung
4InstandhaltungIH-Budget / h_prodWartungsvertrag + Historie
5VerbrauchswerkzeugeJahresbedarf / h_prodEinkaufsdaten je Kostenstelle
6Raumkostenm² × Miete/m² × 12 / h_prodAufstellplan + Mietvertrag
Der Faktor 0,5 bei den Zinsen

Er bildet ab, dass das gebundene Kapital linear über die Nutzungsdauer abnimmt — vom vollen WBW zu Beginn auf null am Ende. Der Durchschnitt der Kapitalbindung ist also WBW/2. Wer ohne diesen Faktor rechnet, verdoppelt die kalkulatorischen Zinsen.

Woraus der Satz von 46,37 €/Mh besteht — 5-Achs-BAZ (MSR-Stellenkosten 157.325 € / 3.393 h)
Kalk. AfA15,17 €/Mh · 33 %
Energie8,97 €/Mh · 19 %
Instandhaltung6,48 €/Mh · 14 %
Kalk. Zinsen5,42 €/Mh · 12 %
Werkzeuge (MSR)5,45 €/Mh · 12 %
Raumkosten4,87 €/Mh · 11 %

Nicht enthalten: Fertigungslöhne, Hilfslöhne/Gehälter (→ RGK-Zuschlag), MGK, VwGK, VtGK. Der MSS ist ein reiner Maschinenkostensatz — die Personalkosten der Stelle laufen getrennt über den RGK-Zuschlag (Kapitel 7).

6.4 Der Wiederbeschaffungswert als Bemessungsgrundlage

Die kalkulatorische AfA basiert nicht auf dem historischen Anschaffungspreis, sondern auf dem Wiederbeschaffungswert — dem Preis, den eine gleichwertige Maschine heute kosten würde. Das ist der folgenreichste Einzelfehler der Praxis.

Der Grund ist einfach: Die Kalkulation soll den Betrieb in die Lage versetzen, die Maschine am Ende ihrer Nutzungsdauer zu ersetzen. Wer auf einen Kaufpreis von 2018 abschreibt, sammelt bis 2032 einen Betrag ein, der 2032 nicht mehr für eine vergleichbare Maschine reicht. Die Lücke fällt erst bei der Reinvestition auf — dann ist sie nicht mehr zu schließen.

WBW über den Erzeugerpreisindex WBW = AHK × (EPIaktuell / EPIBaujahr)

Alternativen, wenn kein Index vorliegt:
Pauschal 3–5 % je Jahr seit Anschaffung · Herstelleranfrage nach Listenpreis
Datenquelle

Für Maschinen und Anlagen führt das Statistische Bundesamt Erzeugerpreisindizes unter der Güterklasse GP09-284 (Metallbearbeitungsmaschinen). Die Reihen sind kostenfrei abrufbar. Wichtig ist weniger die Nachkommastelle als die Konsistenz: Derselbe Index muss für alle Anlagen und über alle Jahre verwendet werden, sonst sind die Stundensätze untereinander nicht vergleichbar.

6.5 Technische statt steuerlicher Nutzungsdauer

Die AfA-Tabellen der Finanzverwaltung dienen der steuerlichen Gewinnermittlung, nicht der Kalkulation. Für die Kostenrechnung zählt, wie lange die Maschine tatsächlich wirtschaftlich nutzbar ist — und das hängt vor allem am Schichtmodell.

Schichtmodelltypische technische NDBegründung
Einschicht14–16 Jahregeringe Laufleistung, Alterung dominiert
Zweischicht12–14 JahreRegelfall in der Zerspanung
Dreischicht9–11 JahreVerschleiß dominiert, Wartungsintensität steigt
Die Doppelfalle im Dreischichtbetrieb

Wer im Dreischichtbetrieb mit der steuerlichen Nutzungsdauer rechnet, macht zwei Fehler auf einmal: Die Maschine hält kürzer als angenommen, und die AfA verteilt sich auf mehr Stunden. Beide Effekte laufen in dieselbe Richtung — der Stundensatz wird doppelt zu niedrig. Die Rechnung dazu steht in Kapitel 8, Fehler #03.

6.6 Richtwerte zur Plausibilitätsprüfung

Ein berechneter Stundensatz sollte immer gegen Erfahrungswerte geprüft werden. Nicht, um ihn anzupassen — sondern um Rechenfehler zu finden. Weicht das Ergebnis stark ab, ist meist eine Komponente vergessen oder die Kapazität falsch angesetzt.

Orientierungswerte für WBW und typischen MSS nach Fertigungsverfahren
MaschinentypWBW-Bereichtypischer MSSHinweis
CNC-Drehzentrum (Einschicht)150–400 T€18–35 €/habhängig von Spezifikation und Automatisierungsgrad
CNC-Fräszentrum 3-Achs200–500 T€22–45 €/hTisch- vs. Portalfräse mit großem WBW-Einfluss
5-Achs-Bearbeitungszentrum350–900 T€35–75 €/hhohe AfA, hohe Energiekosten
Druckguss-Maschine (Alu)400–1.200 T€45–90 €/hFormkosten separat als SEKF kalkulieren
Kunststoff-Spritzguss150–600 T€20–55 €/hFormkosten als SEKF; Energieverbrauch hoch
Abkantpresse CNC100–300 T€15–28 €/hgeringerer Werkzeugverschleiß als zerspanend
Laserschneidanlage300–800 T€35–65 €/hGas, Düsen und Linsen als Werkzeugkosten
Schweißroboter200–500 T€25–50 €/hSchweißdraht, Schutzgas separat erfassen
Montagearbeitsplatz (Hand)5–20 T€kein MSR → FGK-Zuschlag auf Fertigungslöhne
Plausibilitätsprüfung: liegt mein MSS im Bereich?

Liegt Ihr berechneter MSS deutlich unter dem unteren Richtwert, prüfen Sie zuerst die WBW-Basis (historische AHK statt Wiederbeschaffungswert?) und ob eine Komponente fehlt. Liegt er deutlich über dem oberen Wert, prüfen Sie die Kapazität — meist sind zu wenige Produktivstunden angesetzt, sodass sich die Fixkosten auf zu wenige Stunden verteilen.

Was kommt in Kapitel 7?

Kapitel 7 setzt diese Grundlagen in eine vollständige Rechnung um: fünf Schritte vom Anlagenwert über die produktiven Stunden bis zum fertigen Satz von 46,37 €/Mh — mit Sensitivitätsanalyse und dem Übergang zum Vollstundensatz.

David Krause
Dipl.-Wirtschaftsingenieur (FH) · 15+ Jahre Kostenrechnung, Werkscontrolling und Instandhaltung in CNC- und Druckgussfertigung. Schreibt hier alles auf, was sich in der Praxis bewährt hat.
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