6.1 Was ist der Maschinenstundensatz?
Der Maschinenstundensatz (MSS) beziffert, was eine Stunde Maschinenlaufzeit den Betrieb kostet — unabhängig davon, wer die Maschine bedient und was sie gerade fertigt. Er ist die Antwort auf eine Frage, die pauschale Zuschlagssätze nicht beantworten können: Warum kostet eine Stunde am 5-Achs-Bearbeitungszentrum ein Vielfaches einer Stunde am Montageplatz?
Ein Betrieb mit pauschalem Fertigungsgemeinkostenzuschlag verrechnet für jede Kostenstelle denselben Aufschlag auf den Lohn. Kapitalintensive Anlagen werden dadurch systematisch zu billig angeboten, personalintensive Stellen zu teuer. Das Ergebnis: Man gewinnt die Aufträge, an denen man verliert, und verliert die, an denen man verdient hätte. Der MSS macht diesen Unterschied sichtbar.
Zwischen dem pauschalen Zuschlag und dem Maschinenstundensatz liegt eine Zwischenstufe, die viele Betriebe bereits fahren: der differenzierte FGK-Zuschlag. Statt eines einzigen Aufschlags für das ganze Werk bekommt jede Fertigungskostenstelle ihren eigenen Prozentsatz auf den Fertigungslohn. Das ist ein echter Fortschritt gegenüber dem pauschalen Satz — löst das Grundproblem aber nur teilweise.
| Stufe | Bezugsgröße | Was es leistet | Grenze |
|---|---|---|---|
| Pauschaler FGK-Zuschlag | ein %-Satz auf Fertigungslohn, werkweit | einfachste Kalkulation, minimaler Aufwand | quersubventioniert Kapital- gegen Personalstellen komplett |
| Differenzierter FGK-Zuschlag | eigener %-Satz je Kostenstelle, auf Fertigungslohn | trennt teure von günstigen Bereichen — solange die Kosten dem Lohn folgen | versagt, sobald Maschinenkosten > Lohnkosten: der Bezug „auf Lohn" stimmt dann nicht mehr |
| Maschinenstundensatz (MSR) | € je Maschinenstunde, Rest als RGK auf Lohn | bildet maschinengebundene Kosten verursachungsgerecht ab | höherer Erfassungsaufwand (WBW, ND, Produktivstunden) |
Der entscheidende Test ist der Bezug: Ein FGK-Zuschlag rechnet Gemeinkosten proportional zum Fertigungslohn hoch. Das funktioniert, solange die Gemeinkosten einer Stelle tatsächlich mit dem Personaleinsatz steigen — also an lohnintensiven Plätzen (Montage, Schweißen, Handarbeit). Sobald aber eine Anlage den Großteil der Stellenkosten verursacht und weiterläuft, ob ein Werker daneben steht oder nicht, koppelt der Lohnbezug die Verrechnung von der falschen Größe ab: Ein schneller Rüstauftrag mit wenig Lohn trägt zu wenig Maschinenkosten, ein langer Automatiklauf mit wenig Personalpräsenz zu viel. Genau hier — und erst hier — lohnt der Wechsel zum MSS. Als Faustregel: Übersteigt der Maschinenkostenanteil einer Stelle rund 30 % der Fertigungskosten, verzerrt auch der differenzierte Zuschlag; darunter reicht er aus. Die systematische Entscheidungsregel steht in Kapitel 9.
6.2 MSR und RGK — die entscheidende Trennung
Die methodische Kernunterscheidung liegt im Splitting der Gemeinkosten. Maschinenabhängige Kosten werden je Maschinenstunde verrechnet, personalabhängige als prozentualer Zuschlag auf die Fertigungslöhne. Diese Trennung verhindert, dass Lohnveränderungen den Maschinenstundensatz verfälschen — und umgekehrt.
| MSR-Kosten maschinenabhängig → €/Mh | RGK-Kosten personalabhängig → % auf FL |
|---|---|
| Kalkulatorische AfA auf den WBW | Hilfslöhne (Einsteller, Transport) |
| Kalkulatorische Zinsen (WBW × i × 0,5) | Gehälter Meister und Schichtführer |
| Energiekosten (Strom, Druckluft) | Sozialkosten auf Gemeinkostenlöhne |
| Instandhaltung und Wartung | Versicherungen (anteilig) |
| Verbrauchswerkzeuge, Wendeschneidplatten | Sonstige Gemeinkosten der Stelle |
| Raumkosten (anteilig nach Fläche) | — |
| MSR = Σ MSR-Kosten / h_prod | RGK % = Σ RGK-Kosten / FEK × 100 |
Kostenstelle 200 (Drehen) aus dem BAB in Kapitel 5: MSR 20,13 €/Mh, RGK 39,8 % auf den Fertigungslohn. Ein Auftrag mit 2 Maschinenstunden und 85 € Fertigungslohn erzeugt damit 2 × 20,13 = 40,26 € maschinenabhängige und 85 × 0,398 = 33,83 € personalabhängige Gemeinkosten — zusammen 74,09 €. Ein pauschaler Zuschlag hätte hier keine der beiden Größen richtig abgebildet.
6.3 Die sechs Kostenkomponenten
Der MSR setzt sich aus höchstens sechs Komponenten zusammen. Nicht jede ist für jede Maschine relevant — aber jede potentiell relevante muss geprüft und entweder angesetzt oder bewusst auf null gesetzt werden. Vergessene Komponenten sind der häufigste Grund für zu niedrige Stundensätze.
| # | Komponente | Formel | Datenquelle |
|---|---|---|---|
| 1 | Kalkulatorische AfA | WBW / NDtechn | Anlagenspiegel + Preisindex |
| 2 | Kalkulatorische Zinsen | WBW × i × 0,5 | Marktzins + Risikoprämie |
| 3 | Energiekosten | kW × Auslastungsfaktor × h × €/kWh | Typenschild + Stromrechnung |
| 4 | Instandhaltung | IH-Budget / h_prod | Wartungsvertrag + Historie |
| 5 | Verbrauchswerkzeuge | Jahresbedarf / h_prod | Einkaufsdaten je Kostenstelle |
| 6 | Raumkosten | m² × Miete/m² × 12 / h_prod | Aufstellplan + Mietvertrag |
Er bildet ab, dass das gebundene Kapital linear über die Nutzungsdauer abnimmt — vom vollen WBW zu Beginn auf null am Ende. Der Durchschnitt der Kapitalbindung ist also WBW/2. Wer ohne diesen Faktor rechnet, verdoppelt die kalkulatorischen Zinsen.
Nicht enthalten: Fertigungslöhne, Hilfslöhne/Gehälter (→ RGK-Zuschlag), MGK, VwGK, VtGK. Der MSS ist ein reiner Maschinenkostensatz — die Personalkosten der Stelle laufen getrennt über den RGK-Zuschlag (Kapitel 7).
6.4 Der Wiederbeschaffungswert als Bemessungsgrundlage
Die kalkulatorische AfA basiert nicht auf dem historischen Anschaffungspreis, sondern auf dem Wiederbeschaffungswert — dem Preis, den eine gleichwertige Maschine heute kosten würde. Das ist der folgenreichste Einzelfehler der Praxis.
Der Grund ist einfach: Die Kalkulation soll den Betrieb in die Lage versetzen, die Maschine am Ende ihrer Nutzungsdauer zu ersetzen. Wer auf einen Kaufpreis von 2018 abschreibt, sammelt bis 2032 einen Betrag ein, der 2032 nicht mehr für eine vergleichbare Maschine reicht. Die Lücke fällt erst bei der Reinvestition auf — dann ist sie nicht mehr zu schließen.
Alternativen, wenn kein Index vorliegt:
Pauschal 3–5 % je Jahr seit Anschaffung · Herstelleranfrage nach Listenpreis
Für Maschinen und Anlagen führt das Statistische Bundesamt Erzeugerpreisindizes unter der Güterklasse GP09-284 (Metallbearbeitungsmaschinen). Die Reihen sind kostenfrei abrufbar. Wichtig ist weniger die Nachkommastelle als die Konsistenz: Derselbe Index muss für alle Anlagen und über alle Jahre verwendet werden, sonst sind die Stundensätze untereinander nicht vergleichbar.
6.5 Technische statt steuerlicher Nutzungsdauer
Die AfA-Tabellen der Finanzverwaltung dienen der steuerlichen Gewinnermittlung, nicht der Kalkulation. Für die Kostenrechnung zählt, wie lange die Maschine tatsächlich wirtschaftlich nutzbar ist — und das hängt vor allem am Schichtmodell.
| Schichtmodell | typische technische ND | Begründung |
|---|---|---|
| Einschicht | 14–16 Jahre | geringe Laufleistung, Alterung dominiert |
| Zweischicht | 12–14 Jahre | Regelfall in der Zerspanung |
| Dreischicht | 9–11 Jahre | Verschleiß dominiert, Wartungsintensität steigt |
Wer im Dreischichtbetrieb mit der steuerlichen Nutzungsdauer rechnet, macht zwei Fehler auf einmal: Die Maschine hält kürzer als angenommen, und die AfA verteilt sich auf mehr Stunden. Beide Effekte laufen in dieselbe Richtung — der Stundensatz wird doppelt zu niedrig. Die Rechnung dazu steht in Kapitel 8, Fehler #03.
6.6 Richtwerte zur Plausibilitätsprüfung
Ein berechneter Stundensatz sollte immer gegen Erfahrungswerte geprüft werden. Nicht, um ihn anzupassen — sondern um Rechenfehler zu finden. Weicht das Ergebnis stark ab, ist meist eine Komponente vergessen oder die Kapazität falsch angesetzt.
| Maschinentyp | WBW-Bereich | typischer MSS | Hinweis |
|---|---|---|---|
| CNC-Drehzentrum (Einschicht) | 150–400 T€ | 18–35 €/h | abhängig von Spezifikation und Automatisierungsgrad |
| CNC-Fräszentrum 3-Achs | 200–500 T€ | 22–45 €/h | Tisch- vs. Portalfräse mit großem WBW-Einfluss |
| 5-Achs-Bearbeitungszentrum | 350–900 T€ | 35–75 €/h | hohe AfA, hohe Energiekosten |
| Druckguss-Maschine (Alu) | 400–1.200 T€ | 45–90 €/h | Formkosten separat als SEKF kalkulieren |
| Kunststoff-Spritzguss | 150–600 T€ | 20–55 €/h | Formkosten als SEKF; Energieverbrauch hoch |
| Abkantpresse CNC | 100–300 T€ | 15–28 €/h | geringerer Werkzeugverschleiß als zerspanend |
| Laserschneidanlage | 300–800 T€ | 35–65 €/h | Gas, Düsen und Linsen als Werkzeugkosten |
| Schweißroboter | 200–500 T€ | 25–50 €/h | Schweißdraht, Schutzgas separat erfassen |
| Montagearbeitsplatz (Hand) | 5–20 T€ | — | kein MSR → FGK-Zuschlag auf Fertigungslöhne |
Liegt Ihr berechneter MSS deutlich unter dem unteren Richtwert, prüfen Sie zuerst die WBW-Basis (historische AHK statt Wiederbeschaffungswert?) und ob eine Komponente fehlt. Liegt er deutlich über dem oberen Wert, prüfen Sie die Kapazität — meist sind zu wenige Produktivstunden angesetzt, sodass sich die Fixkosten auf zu wenige Stunden verteilen.
Kapitel 7 setzt diese Grundlagen in eine vollständige Rechnung um: fünf Schritte vom Anlagenwert über die produktiven Stunden bis zum fertigen Satz von 46,37 €/Mh — mit Sensitivitätsanalyse und dem Übergang zum Vollstundensatz.