David Krause Fachbuch · Teil IV · Kapitel 10
Teil IV — Angebotskalkulation Kapitel 10 / 18 Referenzbetrieb Präzisionsteile Muster GmbH Stand v23.0 · 07/2026

Das Kalkulationsschema

Sieben Positionen vom Materialpreis zum Angebotspreis. Jede baut auf der vorherigen auf, keine lässt sich überspringen — und jede Ziffer hat eine Quelle, die in den Kapiteln 5 bis 7 hergeleitet wurde. Das ist der Unterschied zwischen Kalkulation und Schätzung.

7
Positionen des Schemas
1.010,45 €
Selbstkosten Referenzauftrag
1.411,02 €
Angebotspreis brutto

10.1 Sieben Positionen

Das Schema ist keine Formsache. Seine Reihenfolge bildet ab, wie Kosten im Betrieb tatsächlich entstehen: erst das Material, dann seine Bearbeitung, dann der Überbau aus Verwaltung und Vertrieb, zuletzt Gewinn und Konditionen. Wer eine Stufe überspringt, verliert die Lückenlosigkeit der Herleitung — und damit die Fähigkeit, einen Preis im Kundengespräch zu begründen.

Losgröße 1 Stück Maschinenbelegung 4,0 h CAM offline 1,0 h Material Flachstahl 250 €
Referenzauftrag · KSt 210 Fräsen · alle Sätze aus dem BAB (Kapitel 5)
Pos.BezeichnungSatz€ / AuftragQuelle
Materialblock
Materialeinzelkosten (MEK)250,00Einstandspreis ERP
+Materialgemeinkosten (MGK)9,0 % MEK22,50KSt 100, BAB Kap. 5
1→ Materialkosten (MK)272,50
Fertigungsblock — Maschinenplatz KSt 210
FEK I — Fertigung32 €/h × 4 h128,00Werkerlohn inkl. AG-Anteil
FEK II — CAM/AV48 €/h × 1 h48,00läuft offline, belegt die Maschine nicht
+Restgemeinkosten (RGK)35,1 % FEK61,78KSt 210, BAB Kap. 5
+Maschinenkosten (MSR × Zeit)46,37 €/Mh × 4 h185,48MSS aus Kap. 7
+Sondereinzelkosten Fertigung (SEKF)162,00Bohrgewindefräser, auftragsbezogen
2→ Fertigungskosten (FK)585,26
3→ Herstellkosten (HK = 1 + 2)857,76
Verwaltung · Vertrieb
+Verwaltungsgemeinkosten (VwGK)11,8 % HK101,22KSt 300, BAB Kap. 5
+Vertriebsgemeinkosten (VtGK)6,0 % HK51,47KSt 400, BAB Kap. 5
+Sondereinzelkosten Vertrieb (SEKV)0,00hier kein Frei-Haus-Zuschlag
4→ Selbstkosten (SK)1.010,45Vollkosten ohne Gewinn
Preisblock
+Gewinnzuschlag15 % SK151,57Vorgabe Geschäftsführung
5→ Barverkaufspreis netto (BVP)1.162,02Untergrenze bei voller Nachlassausschöpfung
+Kundenskonto 2 % im Hundert: BVP ÷ 0,982 %23,71bei Zahlungsziel 14 Tage
6→ Zielverkaufspreis netto1.185,73Kunde zieht 2 % → exakt BVP
+Umsatzsteuer19 %225,29
7→ Angebotspreis brutto1.411,02Rechnungsbetrag
„Im Hundert" — der meistgemachte Rabattfehler

Skonto und Rabatt werden nicht auf den Barverkaufspreis aufgeschlagen, sondern herausgerechnet: 1.162,02 ÷ 0,98 = 1.185,73 €. Wer stattdessen 2 % addiert, landet bei 1.185,26 € — und bekommt nach Skontoabzug nur 1.161,55 € statt der kalkulierten 1.162,02 €. Bei einem Auftrag sind das 47 Cent, bei 2 % Marge auf einen Jahresumsatz von zwei Millionen fehlen rund 800 € reiner Gewinn. Der Fehler wächst quadratisch mit dem Nachlasssatz: Bei 20 % Rabatt beträgt die Lücke bereits 4 % des Preises.

10.2 Maschinenplatz und Handarbeitsplatz im selben Schema

Das Schema bleibt identisch — nur der Fertigungsblock unterscheidet sich. An der Montage (KSt 240) gibt es keinen Maschinenstundensatz; die Gemeinkosten kommen vollständig über den Lohnzuschlag.

FertigungsblockMaschinenplatz KSt 210Handarbeitsplatz KSt 240
FertigungseinzelkostenWerkerlohn × ZeitWerkerlohn × Zeit
GemeinkostenzuschlagRGK 35,1 % auf FEKFGK 60,8 % auf FEK
MaschinenkostenMSR 46,37 €/Mh × Belegungentfällt
Warum der FGK-Satz höher aussieht — und es nicht ist

60,8 % gegen 35,1 % wirkt, als wäre die Montage die teurere Stelle. Tatsächlich ist es umgekehrt: An der Montage muss der Lohnzuschlag sämtliche Gemeinkosten der Stelle tragen, weil kein Maschinensatz danebensteht. Am Fräsplatz trägt der RGK-Satz nur den personalabhängigen Rest — der weit größere Teil läuft über die 46,37 €/Mh. Zuschlagssätze verschiedener Kostenstellen sind niemals direkt vergleichbar; vergleichbar sind nur Vollstundensätze.

10.3 Lesehilfe: vier Besonderheiten der Praxis-Kalkulation

Das durchgerechnete Beispiel zeigt vier Punkte, die in der Standardliteratur oft fehlen — und die eine saubere Fertigungskalkulation von einer schematischen unterscheiden.

BesonderheitErklärung
Zwei FEK-Positionen (Fertigung + CAM)Der CAD/CAM-Programmierer hat einen eigenen, höheren Stundensatz (48 €/h) als der Werker (32 €/h). Beide sind Einzelkosten, weil die Stunden auftragsbezogen erfasst werden — nur bei nicht zurechenbarer Programmierung wird sie zu Gemeinkosten.
Maschinenkosten als eigene ZeileDer MSS (46,37 €/h) wird mit den Maschinenstunden multipliziert und separat ausgewiesen — nicht im FGK-Zuschlag versteckt. Das ist die korrekte MSR-Darstellung.
RGK-Zuschlag auf beide FEKDie Restgemeinkosten beziehen sich auf FEK-Fertigung und FEK-CAM zusammen — sie entstehen durch den Personaleinsatz insgesamt, nicht nur durch den Werkerlohn.
SEKF als eigene ZeileDer Bohrgewindefräser (162 €) ist ein auftragsbezogenes Spezialwerkzeug — er gehört nicht in den MSS (der gilt für alle Aufträge der Maschine), sondern als Sondereinzelkosten der Fertigung direkt auf diesen Auftrag.

10.4 Der Losgrößeneffekt

Rüstzeit und Programmierung fallen einmal je Auftrag an, unabhängig von der Stückzahl. Sie verteilen sich auf das Los — und genau daraus entsteht die Preisdegression, die jeder Einkäufer kennt und viele Kalkulatoren unterschätzen.

Losgrößeneffekt · Rüstzeit 60 min fix, Stückzeit 2,00 h, MEK 250 €, ohne SEKF
LosRüsten je StückGesamtzeitHK je StückSK je StückBVP je StückIndex
160,0 min3,000 h541,31 €637,66 €733,31 €120
512,0 min2,200 h469,62 €553,22 €636,20 €104
106,0 min2,100 h460,66 €542,66 €624,06 €102
50 ★1,2 min2,020 h453,50 €534,22 €614,35 €100
1000,6 min2,010 h452,60 €533,16 €613,14 €100
5000,1 min2,002 h451,88 €532,32 €612,17 €100
Annahmen dieser Rechnung

Bewusst vereinfacht gegenüber dem Referenzauftrag aus 10.1: Stückzeit 2,00 h, Rüstzeit 60 min, kein SEKF, keine separate CAM-Zeit. Sätze wie im BAB: MGK 9,0 % · RGK 35,1 % · MSR 46,37 €/Mh · VwGK 11,8 % · VtGK 6,0 % · Gewinn 15 %. Die Werte sind deshalb nicht mit den 1.010,45 € aus 10.1 vergleichbar — dort kommen Sonderwerkzeuge und Programmierung hinzu.

Die Degression läuft schnell aus. Von Los 1 auf Los 10 sinken die Stückkosten um 14,9 %, von Los 50 auf Los 500 nur noch um 0,4 %. Das Optimum liegt dort, wo der Rüstanteil unter ein bis zwei Prozent der Gesamtkosten fällt — hier ab etwa Losgröße 50. Wer darüber hinaus weitere Mengennachlässe gewährt, gibt Marge ab, der keine Kostenentlastung gegenübersteht.

Checkliste vor jedem Angebot
Was kommt in Kapitel 11?

Kapitel 11 wendet dieses Schema auf drei reale Fertigungsverfahren an: CNC-Fräsen von Titan, Kunststoff-Spritzguss und Aluminium-Druckguss. Jedes bringt eine eigene Besonderheit mit — Werkzeugverschleiß, Formkostenumlage, Anguss und Kreislaufmaterial.

David Krause
Dipl.-Wirtschaftsingenieur (FH) · 15+ Jahre Kostenrechnung, Werkscontrolling und Instandhaltung in CNC- und Druckgussfertigung. Schreibt hier alles auf, was sich in der Praxis bewährt hat.
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