Kaum eine Kennzahl ist in Fertigungsbetrieben so verbreitet — und so oft missverstanden — wie die OEE. Sie steht auf Shopfloor-Boards, in Monatsberichten und in Zielvereinbarungen. Nur: Zwei Werke mit „85 % OEE" können völlig unterschiedlich wirtschaftlich sein, und ein Werk kann seine OEE steigern, während der Gewinn sinkt. Dieser Artikel ordnet die drei wichtigsten Produktivitätskennzahlen ein und zeigt, wie man sie an die Kostenrechnung anschließt.
1 · OEE — die Gesamtanlageneffektivität
Die OEE (Overall Equipment Effectiveness) beschreibt die tatsächliche Nutzung einer Anlage auf Grundlage der Planbelegungszeit. Sie ist das Produkt aus drei Faktoren, die je einen Verlusttyp abbilden:
= 90 % × 90 % × 96,3 % = 78,0 %
| Faktor | Erfasst | Wert | Verlust |
|---|---|---|---|
| Verfügbarkeit Stillstandsverluste | Störungen, Rüsten, Werkzeugwechsel, Materialmangel | 90,0 % | 435 h |
| Leistungsgrad Taktverluste | Reduzierte Geschwindigkeit, Kurzstillstände, Leerlauf | 90,0 % | 392 h |
| Qualitätsrate Qualitätsverluste | Ausschuss, Nacharbeit, Anfahrteile | 96,3 % | 130 h |
| OEE | Planbelegung 4.350 h → produktiv | 78,0 % | 957 h |
Von der Planbelegungszeit dürfen keine Zeitanteile vorab abgezogen werden — weder Pausen noch Warten auf Material noch geplante Wartung. Genau diese Abzüge sind die Verluste, die die OEE sichtbar machen soll. Wer sie vorher herausrechnet, erzeugt eine Kennzahl, die immer gut aussieht und nichts steuert. Ein OEE-Wert ist nur vergleichbar, wenn die Bezugsbasis dokumentiert ist.
2 · TEEP — was die OEE systematisch verschweigt
Die OEE bewertet nur die Zeit, die man zu belegen geplant hat. Sie kann hervorragend sein, während die Anlage die Hälfte des Jahres stillsteht — weil die ungenutzte Zeit gar nicht erst in den Nenner kommt. Diese Lücke schließt die TEEP (Total Effective Equipment Productivity), die auf der Kalenderzeit aufsetzt:
TEEP = 49,7 % × 78,0 % = 38,7 %
Dieselbe Anlage, zwei Kennzahlen: 78,0 % OEE — ein solider Wert, der den Betriebsablauf gut bewertet. Und 38,7 % TEEP — der Anteil des Jahres, in dem die Investition tatsächlich Gutteile produziert hat. Beide sind richtig. Sie beantworten verschiedene Fragen:
| Kennzahl | Beantwortet | Adressat |
|---|---|---|
| OEE | Läuft die Anlage gut, wenn sie laufen soll? | Meister, Instandhaltung, KVP |
| TEEP | Rechtfertigt die Auslastung diese Investition? | Werkleitung, Controlling, Investitionsplanung |
Der Schichtbetrieb ist der stärkste Hebel auf den Maschinenstundensatz — stärker als jede OEE-Verbesserung. Ginge dieselbe Anlage im Dreischichtbetrieb (Planbelegung 6.000 h statt 4.350 h), stiege die TEEP bei unveränderter OEE von 38,7 % auf 53,4 %, und der MSS fiele von 46,37 € auf rund 34 €/Mh. Die OEE bliebe dabei exakt gleich. Wer nur die OEE steuert, sieht diesen Hebel nie.
3 · Vom Prozentwert zum Euro-Betrag
Hier liegt die Lücke, die in vielen Kennzahlensystemen offen bleibt: Verluste werden in Prozent oder Stunden berichtet, aber nicht in Geld. Dabei ist die Umrechnung trivial, sobald ein belastbarer Maschinenstundensatz vorliegt — man multipliziert die Verlustzeit mit dem MSS.
| Verlustart | Stunden | Kosten/Jahr | Anteil |
|---|---|---|---|
| Verfügbarkeitsverluste Störungen, Rüsten | 435 | 20.171 € | 45 % |
| Leistungsverluste Takt, Kurzstillstände | 392 | 18.154 € | 41 % |
| Qualitätsverluste Ausschuss, Nacharbeit | 130 | 6.045 € | 14 % |
| Gesamte Verlustzeit | 957 | 44.376 € | 100 % |
Aus „unsere OEE liegt bei 78 %" wird damit: Diese Anlage verliert 44.376 € pro Jahr — und 45 % davon stecken in der Verfügbarkeit. Das ist eine Aussage, mit der eine Werkleitung Prioritäten setzen kann. Ein Prozentpunkt OEE entspricht hier 43,5 Stunden oder rund 2.017 € im Jahr; wer die Verfügbarkeit um fünf Punkte hebt, holt gut 10.000 € herein.
Diese Rechnung bewertet Verlustzeit mit dem vollen Stundensatz — das ist die Sichtweise der Vollkostenrechnung und richtig für Engpassanlagen, bei denen jede gewonnene Stunde tatsächlich verkauft werden kann. Ist die Anlage nicht ausgelastet, werden nur die variablen Bestandteile frei (bei dieser Maschine 17,66 €/Mh von 46,37 €/Mh). Welcher Satz gilt, entscheidet die Absatzlage — nicht die Kennzahl.
4 · Personalproduktivität — die zweite Ressource
Anlagen sind nur eine Seite. Die Personalproduktivität setzt die tatsächliche Ausbringung ins Verhältnis zur eingesetzten Personalkapazität — üblicherweise über Vorgabezeiten:
= (9.980 Stk × 0,30 h) / 3.800 h
= 2.994 h / 3.800 h = 78,8 %
Zwei Definitionsfragen entscheiden über die Aussagekraft. Erstens: Zählen nur die direkten Werker oder auch indirekte Mitarbeiter des Bereichs? Beide Varianten sind üblich, aber sie ergeben völlig verschiedene Werte — deshalb muss die Abgrenzung dokumentiert sein. Zweitens: Nur Gutteile zählen. Wer Ausschuss mitzählt, belohnt Produktion ohne Qualität.
Personalproduktivität und OEE können gegenläufig sein. Ein Meister, der die Rüstzeiten senkt, indem er größere Lose fährt, verbessert die OEE — und erhöht gleichzeitig Bestände und Kapitalbindung. Ein Team, das an drei Maschinen gleichzeitig arbeitet, hebt die Personalproduktivität, riskiert aber längere Störungsreaktionszeiten und damit Verfügbarkeit. Kennzahlen einzeln zu optimieren, verschiebt Verluste; sie gemeinsam zu betrachten, deckt Zielkonflikte auf.
5 · Ein tragfähiges Kennzahlensystem
Aus der Praxis heraus haben sich vier Regeln bewährt, unabhängig von Branche und Betriebsgröße:
- 1Bezugsbasis dokumentieren. Jede Kennzahl braucht eine schriftliche Definition — was zählt in Zähler und Nenner. Ohne das ist kein Vergleich zwischen Monaten, Anlagen oder Werken möglich.
- 2Beeinflussbarkeit prüfen. Eine Kennzahl gehört nur dorthin, wo der Adressat sie auch verändern kann. OEE gehört an die Maschine, TEEP in die Werkleitung.
- 3Nicht jede Anlage ist OEE-relevant. Sinnvoll ist die Erhebung bei Engpassmaschinen, hoher Wertschöpfung, hohem Ausschussrisiko oder kapitalintensiven Anlagen. Flächendeckende Erfassung erzeugt vor allem Aufwand.
- 4Zeit in Geld übersetzen. Erst der Maschinenstundensatz macht aus einer Verlustquote eine Entscheidungsgrundlage. → Kapitel 7
Kapitel 7, Schritt 4 leitet die Planbelegungszeit her und nutzt die resultierenden 3.393 Stunden als Nenner des Maschinenstundensatzes — dort schließt sich der Kreis zwischen Zeit und Geld. Kapitel 14 behandelt die Verbesserung der OEE als Führungsaufgabe.
Alle Zahlen beziehen sich auf den fiktiven Referenzbetrieb „Präzisionsteile Muster GmbH", der im gesamten Fachbuch durchgerechnet wird. Die dargestellten Kennzahlendefinitionen sind allgemeiner Stand der Fachliteratur (u. a. VDMA-Einheitsblatt 66412, Nakajima).