7.1 Das Beispiel: CNC-5-Achs-BAZ im Zweischichtbetrieb
Die folgende vollständige Berechnung zeigt den Maschinenstundensatz für ein CNC-5-Achs-Bearbeitungszentrum. Wir arbeiten uns in fünf Schritten vom Anlagenwert bis zum fertigen €/h-Satz — mit allen Zwischenergebnissen und Kontrollpunkten.
Wiederbeschaffungswert (WBW) ermitteln
Die kalkulatorische AfA basiert auf dem WBW, nicht auf den AHK. Wir verwenden den EPI-Erzeugerpreisindex des Statistischen Bundesamts (GP09-284 — Metallbearbeitungsmaschinen).
| Position | Formel / Quelle | Wert |
|---|---|---|
| Anschaffungskosten (AHK) | Rechnung / Kaufvertrag 2018 | 520.000 € |
| EPI Baujahr 2018 | Destatis GP09-284, Jahresdurchschnitt | 116,4 |
| EPI aktuell 2026 | Destatis GP09-284, letzter Jahresdurchschnitt | 149,8 |
| WBW = AHK × (EPI₂₀₂₆ / EPI₂₀₁₈) | 520.000 × (149,8 / 116,4) | 669.000 € |
| Differenz zu AHK | 669.000 − 520.000 | +149.000 € (+28,7 %) |
Der WBW liegt 28,7 % über den AHK — das entspricht dem realen Preisanstieg bei Hochleistungs-BAZ zwischen 2018 und 2026. Wer weiterhin mit 520.000 € als AfA-Basis rechnet, unterschätzt die AfA um 28,7 % — bei dieser Maschine fehlen dann ca. 10.700 €/Jahr im Stundensatz.
Weil die kalkulatorische AfA auf den Wiederbeschaffungswert (669.000 €) statt auf die historischen Anschaffungskosten (520.000 €) rechnet, verdient jede produktive Maschinenstunde anteilig die künftige Ersatzbeschaffung mit. Über die 13 Jahre technische Nutzungsdauer fließen 51.462 €/Jahr in die Angebotspreise ein — kumuliert der volle WBW. Wer die Sätze durchsetzt, hat die Ersatzinvestition am Ende rechnerisch verdient; wer auf AHK abschreibt, unterdeckt jede Stunde still und steht bei der Reinvestition vor einer Finanzierungslücke.
Technische Nutzungsdauer festlegen
Steuerliche Nutzungsdauer laut AfA-Tabelle: 14 Jahre. Technisch-wirtschaftliche Nutzungsdauer für 5-Achs-BAZ im Zweischichtbetrieb bei guter Wartung: 12–14 Jahre. Wir setzen 13 Jahre an — dokumentiert im Anlagenspiegel.
| Position | Begründung | Wert |
|---|---|---|
| Steuerliche ND (AfA-Tabelle) | BMF AfA-Tabelle 2023, Ziff. 2.1.1 | 14 Jahre |
| Technische ND (Zweischicht) | Erfahrungswert, Hersteller, Wartungsprotokoll | 13 Jahre |
| Kalk. AfA = WBW / ND_techn | 669.000 € / 13 Jahre | 51.462 €/Jahr |
| Bilanzielle AfA (Vergleich) | 520.000 € / 14 Jahre | 37.143 €/Jahr |
| Differenz KoRe vs. Bilanz | 51.462 − 37.143 | +14.319 €/Jahr |
Kalkulatorische Zinsen berechnen
= 669.000 € × 5,5 % × 0,5
= 18.398 €/Jahr → 5,42 €/h bei 3.393 h
Produktive Stunden übernehmen — der Zeit-Faden
Aus der Brutto-Belegungszeit der Maschine wird über die OEE-Kaskade die tatsächlich verrechenbare Zeit. Nur diese Stunden dürfen den Geldberg aus den Schritten 1–3 tragen — wer mit 100 % Kapazität rechnet, deckt seine Leerkosten nicht.
Komponenten summieren — der Knoten
Jetzt treffen sich beide Fäden: Jahreskosten (Geld) geteilt durch produktive Stunden (Zeit) ergeben den Maschinenstundensatz.
| Komponente | €/Jahr | €/h |
|---|---|---|
| Kalkulatorische AfA Schritt 2 · WBW / 13 J. | 51.462 | 15,17 |
| Kalkulatorische Zinsen Schritt 3 | 18.398 | 5,42 |
| Energie Nennleistung × Auslastung × Strompreis | 30.435 | 8,97 |
| Instandhaltung Wartungsvertrag + Historie | 22.000 | 6,48 |
| Verbrauchswerkzeuge Einkaufsdaten KSt 210 | 18.500 | 5,45 |
| Raumkosten m² × Miete × 12 | 16.530 | 4,87 |
| MSS = Σ Komponenten / h_prod | 157.325 | 46,37 €/Mh |
7.2 Kapazität und Auslastung: OEE, TEEP und Auslastungsgrad
Weil der Nenner den Stundensatz stärker bewegt als jede andere Größe, lohnt die saubere Trennung dreier Kennzahlen, die in der Praxis regelmäßig verwechselt werden.
| Kennzahl | Einschicht | Zweischicht ★ | Dreischicht |
|---|---|---|---|
| Bruttostunden Planbelegung | 1.904 h | 4.350 h | 6.525 h |
| Produktive Stunden (h_prod) | 1.485 h | 3.393 h | 5.088 h |
| Nutzungsgrad (OEE) | 78,0 % | 78,0 % | 78,0 % |
| Auslastungsgrad zu 8.760 h | 21,7 % | 49,7 % | 74,5 % |
| TEEP Auslastung × OEE | 17,0 % | 38,7 % | 58,1 % |
| resultierender MSS | 94,42 €/Mh | 46,37 €/Mh | 33,90 €/Mh |
Die OEE ist in allen drei Spalten identisch — der Betriebsablauf ist gleich gut. Die TEEP unterscheidet sich um mehr als das Dreifache, und genau das schlägt auf den Stundensatz durch: von 94,42 €/Mh auf 33,90 €/Mh. Das Schichtmodell ist damit der stärkste Hebel auf den MSS — stärker als jede OEE-Verbesserung. Die Konsequenz für die Kalkulation: Ein Wettbewerber mit Dreischichtbetrieb kann bei identischer Fertigungsgüte gut ein Drittel günstiger anbieten. Wer gegen solche Preise verliert, hat kein Kostenproblem in der Fertigung, sondern ein Auslastungsproblem.
Die Verlustzeit lässt sich unmittelbar bewerten: 957 Stunden (4.350 − 3.393) mal 46,37 €/Mh sind rund 44.400 € im Jahr — für eine einzige Maschine. Ein Prozentpunkt OEE entspricht 43,5 Stunden oder etwa 2.000 €. Vertiefung im Fachartikel zu Produktions-KPIs.
7.3 Sensitivitätsanalyse: Was, wenn sich Parameter ändern?
Die Tabelle variiert jeweils eine Einzelvariable gegenüber dem Basisfall und zeigt, welche Parameter besonders sorgfältig festgelegt werden müssen.
| Szenario | h_prod | AfA/h | MSS | Δ |
|---|---|---|---|---|
| ★ Basis (Zweischicht) | 3.393 | 15,17 | 46,37 € | — |
| Einschicht | 1.485 | 34,65 | 94,42 € | +48,05 |
| Dreischicht | 5.090 | 10,11 | 33,90 € | −12,47 |
| WBW +20 % | 3.393 | 18,20 | 50,49 € | +4,12 |
| Kapazität 100 % falsch! | 4.350 | 11,83 | 36,17 € | −10,20 |
| ND 10 J. (kürzer) | 3.393 | 19,72 | 50,92 € | +4,55 |
| Energie +30 % | 3.393 | 15,17 | 49,06 € | +2,69 |
Die größte Hebelwirkung hat das Schichtmodell: Einschicht statt Zweischicht verdoppelt den MSS fast (+48 €/Mh = +103 %). Der zweite kritische Parameter ist die falsche Kapazitätsannahme: Mit 100 % statt realem OEE (78 %) entsteht eine Unterdeckung von 8,22 €/Mh — multipliziert mit 3.393 Stunden = 27.890 € versteckter Verlust pro Jahr.
7.4 Checkliste: MSS berechnen
Die vollständige Reihenfolge von der Datenbeschaffung bis zur Dokumentation im BAB — jeder Schritt mit Verweis auf Kapitel oder Quelle.
- ☐ 1Anlagenspiegel vollständig: AHK, Baujahr, Buchwert je AnlageBuchhaltung
- ☐ 2WBW je Anlage ermitteln (EPI, Herstelleranfrage oder Pauschal)Kap. 6.4 · GENESIS 61241
- ☐ 3Technische Nutzungsdauer festlegen — Schichtmodell dokumentieren!Kap. 6.5
- ☐ 4Kalk. AfA = WBW / NDtechn berechnenSchritt 2
- ☐ 5Kalk. Zinsen = WBW × Zinsfuß × 0,5 berechnenSchritt 2
- ☐ 6Produktive Stunden (OEE) je Kostenstelle berechnenKap. 7.1
- ☐ 7Energiekosten: Nennleistung × Auslastung × h × €/kWhSchritt 4
- ☐ 8Instandhaltungs-Budget aus Vertrag + Historie ansetzenSchritt 4
- ☐ 9Werkzeugkosten aus Einkaufsdaten je KostenstelleKap. 15
- ☐ 10Raumkosten: m² × Miete/m² × 12 / hprodSchritt 4
- ☐ 11MSS = Σ Komponenten / hprodSchritt 4
- ☐ 12Plausibilitätsprüfung gegen RichtwerteKap. 6.6
- ☐ 13RGK aus BAB ableiten und RGK-% festlegenKap. 5
- ☐ 14Ergebnis im BAB dokumentieren (MSR-Zeile KSt)Kap. 5.5
7.5 Vom MSS zum Vollstundensatz
Der MSS deckt nur die Maschine. Für einen kompletten Fertigungsstundensatz kommen Fertigungslohn und der RGK-Zuschlag der Kostenstelle hinzu (FEK-Volumen KSt 210: 260.000 €/Jahr, RGK-Satz 35,1 % aus dem BAB, Kap. 5.5):
+ 32,00 €/h Fertigungslohn
+ 11,23 €/h RGK 35,1 % auf FL
= 89,60 €/h
Kapitel 8 schließt Teil III mit der Selbstdiagnose ab: Die 10 häufigsten Kalkulationsfehler aus Kapitel 3 werden mit den Methoden aus Kapitel 5–7 systematisch behoben — mit Vorher/Nachher-Rechnung. Danach beginnt Teil IV mit der vollständigen Angebotskalkulation.