9.1 Die vier Verfahren
| Verfahren | Prinzip | Geeignet für | Grenze |
|---|---|---|---|
| Divisionskalkulation | Gesamtkosten / Menge | Ein Produkt, Massenfertigung | Versagt bei Varianten |
| Äquivalenzziffern | Varianten über Verhältniszahlen umrechnen | Sortenfertigung mit proportionalen Unterschieden | Verhältnis muss stabil sein |
| Zuschlagskalkulation | Gemeinkosten als Prozentsatz auf Einzelkosten | Einzel- und Kleinserienfertigung | Verzerrt bei ungleichen Kostenstellen |
| Maschinenstundensatz | Maschinenkosten je Stunde, Rest als Zuschlag | Kapitalintensive Fertigung mit unterschiedlichen Anlagen | Höherer Erfassungsaufwand |
9.2 Wann lohnt sich die MSR-Einführung?
Die Maschinenstundensatzrechnung ist aufwendiger als ein pauschaler Zuschlag. Sie lohnt sich, sobald sich die Kostenstellen deutlich unterscheiden — und genau das ist in der Zerspanung die Regel.
| Kostenstelle | MSR | Zuschlag | Vollstundensatz |
|---|---|---|---|
| 200 · CNC-Drehen | 20,13 €/Mh | 39,8 % RGK | 64,87 €/h |
| 210 · CNC-5-Achs-Fräsen | 46,37 €/Mh | 35,1 % RGK | 89,60 €/h |
| 240 · Montage | — | 60,8 % FGK | 51,46 €/h |
Die Tabelle zeigt beides im selben Betrieb: Die Maschinenkostenstellen laufen über den MSS, die Montage bleibt bewusst beim differenzierten FGK-Zuschlag (60,8 %). Das ist kein Widerspruch, sondern die richtige Zuordnung — jede Stelle wird über die Größe verrechnet, die ihre Kosten treibt.
9.3 Differenzierter FGK-Zuschlag oder MSS?
Nicht jeder Betrieb braucht Maschinenstundensätze. Ein Betrieb mit differenzierten FGK-Zuschlägen — eigener Prozentsatz je Kostenstelle — ist dem pauschalen Zuschlag weit voraus und kann für lohnintensive Fertigung völlig ausreichen. Die Entscheidung hängt an einer einzigen Größe: dem Maschinenkostenanteil je Stelle.
| Situation der Kostenstelle | Richtiges Verfahren | Warum |
|---|---|---|
| Lohnintensiv, geringe Maschinenbindung (Montage, Schweißen, Prüfung) | differenzierter FGK-Zuschlag | Gemeinkosten folgen dem Personaleinsatz — der Lohnbezug stimmt |
| Gemischt, Maschinenkostenanteil < 30 % | differenzierter FGK-Zuschlag reicht | Verzerrung durch den Lohnbezug bleibt im Toleranzbereich |
| Maschinenkostenanteil > 30 %, homogener Park | MSS je Stellengruppe | ein Satz für ähnliche Maschinen genügt, Aufwand überschaubar |
| Maschinenkostenanteil > 30 %, heterogener Park | MSS je Maschine/Kostenstelle | nur der einzelne MSS bildet die großen Satzunterschiede ab (vgl. 9.5) |
Ein differenzierter FGK-Satz wird gefährlich, wenn er auf eine kapitalintensive Stelle angewendet wird, deren Maschinenkosten nicht mit dem Lohn korrelieren. Beispiel: Ein automatisiertes Drehzentrum läuft mannlos — wenig Fertigungslohn, hohe Maschinenkosten. Ein FGK-Zuschlag „auf Lohn" verrechnet dort viel zu wenig Gemeinkosten, weil die Bezugsbasis (Lohn) klein ist, die tatsächlichen Kosten (Maschine) aber groß. Genau dieser Fall verlangt den MSS — der differenzierte Zuschlag kann ihn nicht auffangen.
9.4 Entscheidungsmatrix: welches Verfahren?
Beantworten Sie die Kriterien und wählen Sie das Verfahren mit den meisten Treffern für Ihre Situation. ★ = besonders geeignet.
| Kriterium | Summarisch | Bereichsbez. | KSt-bezogen | MSR ★ |
|---|---|---|---|---|
| < 10 Mitarbeiter | ✓ | ✓ | ||
| 10–30 Mitarbeiter | ✓ | ✓ | ✓ | |
| > 30 Mitarbeiter | ✓ | ✓ | ||
| Homogener Maschinenpark | ✓ | ✓ | ✓ | |
| Heterogener Park (CNC, Druckguss, Montage) | ✓ | |||
| Maschinenkosten > 30 % der Fertigungskosten | ✓ | ✓ | ||
| Einzelfertigung / Kleinserie | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
9.5 Vier Maschinentypen im MSS-Vergleich
Dieselbe Methodik aus Kapitel 7 (WBW-Basis, technische ND, OEE-Produktivstunden, sechs Kostenkomponenten), angewandt auf vier reale Anlagentypen — direkt vergleichbar.
| Maschine | WBW | ND | hprod | Σ €/Jahr | MSS €/Mh |
|---|---|---|---|---|---|
| Spritzguss 250 t (3-Schicht) | 215 T€ | 12 J | 4.609 | 70.202 € | 15,24 |
| CNC 5-Achs-BAZ (2-Schicht) | 410 T€ | 10 J | 2.819 | 96.040 € | 34,07 |
| Druckguss (Alu, 2-Schicht) | 520 T€ | 9 J | 3.100 | 148.000 € | 47,74 |
| Laserschneidanlage (2-Schicht) | 580 T€ | 8 J | 3.254 | 181.900 € | 55,90 |
Der Faktor 3,7 zwischen billigster und teuerster Maschine zeigt, warum ein pauschaler Satz in einem gemischten Park zwangsläufig quersubventioniert.
Weichen die Vollstundensätze der Fertigungsstellen um mehr als etwa 20 Prozent voneinander ab, ist ein pauschaler Zuschlag nicht mehr vertretbar. Im Referenzbetrieb liegen zwischen Montage und 5-Achs-Fräsen 74 Prozent — hier wäre eine Pauschale grob fahrlässig. Bei drei ähnlichen Drehmaschinen dagegen genügt ein gemeinsamer Satz.
Prozesskostenrechnung und Target Costing kommen in diesem Buch nicht vor. Beide sind methodisch interessant, aber für einen Fertigungsbetrieb dieser Größe unverhältnismäßig: Die Prozesskostenrechnung braucht eine Kostentreiber-Analyse quer durch alle indirekten Bereiche, Target Costing eine Marktforschung, die kein Lohnfertiger leisten kann. Wer die vier Verfahren oben sauber beherrscht, deckt den Bedarf ab.