1 · Der Preis ist die kleinste der drei Zahlen
Ein Zerspanungswerkzeug verursacht Kosten an drei Stellen: beim Kauf, beim Wechsel und in jeder Minute, die es im Eingriff ist. Der Einkaufspreis ist die einzige davon, die auf dem Angebot des Lieferanten steht — und in der Regel die kleinste.
+ Wechselzeit × Stundensatz / Standmenge
+ Bearbeitungszeit je Teil × Stundensatz
Standmenge = Teile je Werkzeug bis zum Wechsel · Stundensatz = Vollstundensatz der Kostenstelle
Die ersten beiden Summanden hängen an der Standmenge, der dritte an den Schnittdaten. Ein Werkzeug, das höhere Vorschübe verträgt, senkt den größten Posten — auch wenn es selbst teurer ist.
2 · Rechenbeispiel: zwei Fräser, ein Teil
Schlichtbearbeitung am Titangehäuse auf der Kostenstelle 210. Vollstundensatz 89,60 €/h (Kapitel 9), also 1,49 € je Minute. Werkzeugwechsel einschließlich Vermessen: 4 Minuten.
| Position | Fräser A | Fräser B | Differenz |
|---|---|---|---|
| Einkaufspreis | 52,00 € | 68,00 € | +31 % |
| Standmenge | 40 Teile | 65 Teile | +63 % |
| Bearbeitungszeit je Teil | 6,0 min | 5,4 min | −10 % |
| Werkzeug je Teil | 1,30 € | 1,05 € | −0,25 € |
| Wechsel je Teil | 0,15 € | 0,09 € | −0,06 € |
| Maschinenzeit je Teil | 8,96 € | 8,06 € | −0,90 € |
| Kosten je Teil | 10,41 € | 9,20 € | −1,21 € (−11,6 %) |
Der teurere Fräser senkt die Kosten je Teil um 1,21 €. Bei 9.980 Teilen im Jahr sind das rund 12.000 €. Drei Viertel davon stammen aus der kürzeren Bearbeitungszeit, nicht aus dem Werkzeug selbst. Selbst das Werkzeugbudget sinkt: 250 Fräser zu 52 € kosten 12.974 €, 154 Fräser zu 68 € kosten 10.441 €. Ein Preisvergleich je Stück hätte Fräser B aussortiert.
3 · Was die gesparte Maschinenzeit wert ist
0,6 Minuten je Teil ergeben bei 9.980 Teilen rund 100 Maschinenstunden im Jahr. Ihr Wert hängt davon ab, was die Maschine mit dieser Zeit anfangen kann — dieselbe Unterscheidung wie in Kapitel 13.
| Lage der Kostenstelle | Bewertungssatz | €/h | Wert je Jahr |
|---|---|---|---|
| Kalkulation, Normalauslastung | Vollstundensatz | 89,60 | 8.960 € |
| Freie Kapazität, Zeit bleibt ungenutzt | variable Maschinenkosten | 17,66 | 1.766 € |
| Engpass, Zeit wird mit Aufträgen gefüllt | Deckungsbeitrag je Maschinenstunde | 179,00 | 17.900 € |
Bei freier Kapazität rechtfertigt die Zeitersparnis den Aufpreis kaum — dort entscheidet die Standmenge. Im Engpass ist jede gewonnene Minute das Wertvollste, was der Einkauf beschaffen kann.
4 · Nachschliff und Schrott gehören in den Vergleich
| Variante | Kosten | Teile | Werkzeug je Teil |
|---|---|---|---|
| Neu, ohne Nachschliff | 52,00 € | 40 | 1,30 € |
| Neu + drei Nachschliffe zu 15 € | 97,00 € | 136 | 0,71 € |
Annahme: Jeder Nachschliff erreicht 80 % der ursprünglichen Standmenge. Ein Werkzeug, das sich nicht nachschleifen lässt, muss diesen Vorteil über den Preis oder die Standzeit ausgleichen. Dazu kommt der Schrotterlös für Hartmetall (Kapitel 15.3).
5 · Ohne Verbrauchsdaten kein Vergleich
Die Formel braucht eine Zahl, die im Einkauf meist fehlt: die Standmenge im eigenen Prozess. Katalogwerte gelten für Normbedingungen, nicht für das eigene Material und die eigene Aufspannung. Zwei Quellen liefern sie:
| Quelle | Was sie liefert | Reifegrad nach Kapitel 15 |
|---|---|---|
| Werkzeugausgabesystem | jede Entnahme mit Kostenstelle und Zeitpunkt; Verbrauch je Maschine, Ausreißer, Schwund | 2 — Kosten je Werkzeugtyp und Spindelstunde |
| Standmengenversuch | gefertigte Teile je Werkzeug an einem definierten Auftrag, dazu die Bearbeitungszeit | 3 — für die teuersten Werkzeuge |
Ein Werkzeugausgabesystem ist zunächst eine Investition in Ordnung: Suchzeiten entfallen, weil jedes Werkzeug einen Platz und einen Bestand hat. Der größere Effekt liegt in den Daten. Verschleiß und Verschwendung werden je Kostenstelle sichtbar, und der Einkauf verhandelt zum ersten Mal mit eigenen Verbrauchszahlen statt mit der Umsatzliste des Lieferanten.
6 · Reihenfolge im Einkauf
| Schritt | Frage | Ergebnis |
|---|---|---|
| 1 | Welche Werkzeuge verursachen die meisten Kosten je Spindelstunde? | Rangliste aus den Verbrauchsdaten — in KSt 210 führen die VHM-Fräser mit 5,50 €/h |
| 2 | Welche Alternative senkt die Kosten je Teil? | Versuch mit Testwerkzeug, Rechnung nach der Formel oben |
| 3 | Zu welchem Preis und in welcher Form? | Preisverhandlung, Rahmenvertrag, Konsignationslager |
| 4 | Was kostet der Bestellvorgang selbst? | Kleinteile bündeln — jede Bestellposition kostet Geld (Kapitel 9.6) |
Die Preisverhandlung steht bewusst an dritter Stelle. Fünf Prozent Nachlass auf das falsche Werkzeug sparen im Beispiel 2,60 € je Fräser; das richtige Werkzeug spart 1,21 € je Teil.
7 · Checkliste
- 1Werden Werkzeuge nach Kosten je Teil verglichen, nicht nach Preis je Stück?
- 2Ist die Standmenge im eigenen Prozess gemessen, nicht aus dem Katalog übernommen?
- 3Geht die Bearbeitungszeit mit dem Stundensatz der Kostenstelle in den Vergleich ein?
- 4Ist geklärt, ob die Maschine frei oder Engpass ist — und die Zeit entsprechend bewertet?
- 5Sind Nachschliff und Schrotterlös eingerechnet?
- 6Liegen Verbrauchsdaten je Kostenstelle vor, bevor verhandelt wird?